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„Wenn die geringste Chance besteht, dass Bitcoin in Zukunft wertlos sein wird, ist es bereits heute wertlos.“

Nassim Nicholas Taleb teilt in einem Paper einen Rundumschlag gegen Bitcoin aus: Die Kryptowährung tauge weder als Währung noch als Inflationsschutz; ihr echte Wert betrage exakt Null komme Null. Wir haben das Paper mit Entsetzen gelesen.

Nassim Nicholas Taleb hat ein Paper über Bitcoin geschrieben. Falls ihr den berühmten Autor kennt, muss ich ihn nicht vorstellen, falls ihr ihn nicht kennt, müsst ihr nichts darüber lesen, wie er zu Bitcoin steht.

Wenn das Ego über den Intellekt hinauswächst

Daher, in aller Kürze: Taleb kommt eigentlich aus dem Trading, hat sich aber eine Marke aufgebaut als jemand, der Wahrscheinlichkeitsrechnung, Risikomanagement und antike Weisheit zu einer lebensnahen Philosophie verbindet. Seine Bücher, etwa „Der schwarze Schwan“ und „Antifragilität“, gehören mit zum interessantesten, was die Populärphilosophie in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat.

Allerdings zeigte sich spätestens bei „Skin in the Game“, dass Talebs Ego seinem Intellekt davongerannt ist. Die Argumente werden dünner und wirrer, und er ertränkt den zunehmend genervten Leser mit egomanischen Statements, prahlerische Anekdoten und plumpen, geifernden Schimpforgien von Wissenschaftlern, Journalisten und Politikern.

Wie Taleb zum Bitcoin-Feind wurde

Noch 2018 hat Taleb das Vorwort zum Buch „Bitcoin Standard“ geschrieben. Doch irgendetwas geschah, und er begann in diesem Frühjahr, auf Twitter gegen Bitcoin zu stänkern. Dabei schreibt er meistens etwas von „Idioten“ und „Amöben-Hirnen“.

Dann wurde er zur Coingeek-Konferenz nach Zürich eingeladen, wo er per Video mit Craig Wright diskutierte, und danach veröffentlichte er ein Paper, in dem er „beweist“, dass Bitcoin einen Wert von genau 0 Dollar hat.

Und da wären wir also. Bei seinem Paper „Bitcoin, Currencies, and Bubbles“. Das Paper hat, zum Glück, nur sechs Seiten; es mischt auf diesen, leider, eine ganze Menge Thesen.

Wie man Blockchains nicht erklärt

Zunächst beschreibt Talebt aber, was eine Blockchain ist. Das klingt dann überraschenderweise so:

„Das Konzept hinter einer solchen Kette ist recht intuitiv für frühe Praktiker von quantitativen Finanzwissenschaften. Man muss berücksichtigen, dass einige von uns, bevor effiziente Software für Monte Carlo Simulationen weithin verfügar wurde, Methoden benutzt haben, um pseudozufällige Variablen durch einige Formen von verketteten nicht-linearen Varablen zu bilden, ganz im Sinne der ursprünglichen Idee von Von Neumann.“ Aha. Danach folgt eine Reihe von Formeln, bis man erfährt, was die Blockchain dem ganzen hinzufüge: „die Bedingung, dass r(.) funktional und probabilistisch bijektiv sein muss“.

So. So. So. Und was sagt uns das? Mir fällt nur ein, dass Taleb damit beweist, dass sein sonst so feinfühliger Bullshit-Generator nicht mehr funktioniert, wenn er selbst in die Tasten haut.

Lassen wir dieses peinliche Intro jedoch ein peinliches Intro sein und kommen zum Kern der Sache:

„Warum Bitcoin exakt 0 wert ist.“

Taleb präsentiert nun ein auf den ersten Blick interessantes Argument, weshalb der Wert von Bitcoin Null betragen müsse.

Er beginnt etwas verschwurbelt mit dem „Gesetz der iterativen Erwartungen“: Dieses mache es zum „zentralen Prinzip rationaler Erwartungen an den Preis von Wertpapieren“, dass dieser in der Gegenwart die Erwartung inkorporiere, dass wir einmal erwarten werden, dass sich der Preis ändert.

Das ist nicht uninteressant: Der aktuelle Preis enthält nicht nur die Erwartung an künftige Preise – sondern die Erwartung der Erwartung.

Nicht uninteressant ist auch eine Art Klassifizierung von Bitcoin als Finanzinstrument: Viele Aktien schütten Dividenden aus, und bei denen, die es nicht machen, kann man erwarten, dass sie später aufgekauft werden, wenn das Unternehmen wächst. Aktien erwirtschaften also Erträge. Bitcoin und Gold haben gemein, dass sie keine Erträge erwirtschaften.

Anders als nach Bitcoin gebe es jedoch eine „reale“ Nachfrage nach Gold, einerseits durch Schmuckhersteller, andererseits durch die Industrie. Und anders als Bitcoin funktioniere Gold auch dann, wenn die Miner die Blockchain nicht aktiv erhalten.

Bitcoin ist also ein sehr spezielles Asset: Es wirft keine Erträge ab, und es kann, wenn die Miner aufhören, Miner zu sein, jeglichen Wert verlieren. Taleb stellt nun ein Gesetz auf, dass Bitcoin wie an den Leib geschneidert passt: Wenn ein Asset keine Dividende abwirft und auch nur die geringste Chance besteht, dass es einmal eine „absorbierende Barriere“ trifft, muss sein gegenwärtiger Wert Null betragen.

Da Bitcoin keine Dividende abwirft und die Gefahr besteht, dass das System komplett ausfällt, wenn die Miner ihm den Rücken kehren – muss der gegenwärtige Wert von Bitcoin also null sein.

Der wissenschaftliche Wert von Talebs These

Taleb behauptet also, der Wert von Bitcoin sei Null, und er meint, er habe dies bewiesen.

Das Argument ist schwer zu widerlegen, da es im Grunde kein Argument ist. Es ist noch nicht mal eine Hypothese, da Taleb keinen Versuch unternimmt, es logisch zu erklären. Es ist nicht mehr als eine aus der Luft gegriffene Behauptung: Ein Asset, das keine Dividenden erwirtschaftet, aber in Zukunft auf einen Wert von 0 fallen kann, muss auch jetzt einen Wert von 0 haben.

Weder präsentiert Taleb logische oder empirische Gründe, warum seine Behauptung gelten sollte, noch unterzieht er sich der Mühe, seine „These“ an der Wirklichkeit zu prüfen. Er stellt sie in den Raum und meint dann, dies würde ausreichen, damit sie wahr ist.

Dabei ist die These schon logisch gesehen vollkommen unhaltbar. Wäre sie ein Algorithmus, würde der Computer abstürzen; wäre sie ein Gedicht, würde es den Takt verfehlen. Taleb behauptet, Güter wie Bitcoin könnten in der Gegenwart keinen Wert haben, weil sie diesen in Zukunft verlieren könnten. Da aber jeder Zeitpunkt einmal „Gegenwart“ war, dürften die Güter niemals einen Wert gehabt haben. Das ist aber empirisch falsch – Bitcoin hatte und hat ja einen Wert – und es ist logisch sinnfrei: Denn nur das, was einmal einen Wert hatte, kann diesen auch verlieren. Talebs These widerspricht sich also selbst.

Man könnte diese Widersprüche vielleicht ausräumen. Etwa indem man den Zeitpunkt depräzisiert: Das betreffende Asset wird wertlos sein, bevor es wertlos wird; Gegenwart meint nicht jede, sondern irgendeine Gegenwart, notwendigerweise eine Gegenwart in der Zukunft, also dementsprechend: Zukunft. Damit entzieht sich die Theorie aber jeder empirischen Prüfbarkeit: Die Gegenwart, in der Bitcoin wertlos wird, kann ja immer noch eintreten, egal wie weit wir in der Zukunft sind. Talebs These kann dadurch nicht unwahr werden.

Alternativ könnte man „Wert“ anders definieren: Nicht der Preis, den etwas auf dem Markt erzielt, ist der „wahre Wert“, sondern das, was eine ausgefeilte Theorie behauptet. Beispielsweise die Theorie, die Taleb in dem Paper ausbreitet. Damit hätte die Theorie über den Wert von Bitcoin natürlich immer recht, da der Wert das ist, was sie sagt. Wenn Taleb sagt, der Wert von Bitcoin sei Null, dann hat er recht, da der Wert von Bitcoin das ist, was er sagt. Auch damit wäre die These der Prüfbarkeit entzogen.

Wissenschaft bedeutet allerdings, in sich konsistente Thesen zu entwickeln, deren Wahrheitsgehalt auf nachvollziehbare Weise geprüft werden kann. Talebs These ist aber entweder in sich widersprüchlich oder nicht prüfbar. Ihr wissenschaftlicher Wert ist daher, in Zukunft und in der Gegenwart … null.

Ich denke, also muss es auch so sein

Taleb macht sich in seinem Paper wie gesagt nicht die Mühe, die These, die er in den Raum wirft, zu prüfen, zu bestätigen, zu widerlegen oder zu untermauern. Anstatt Wissenschaft zu betreiben, folgt er dem Motto: Cogito, ergo est: Ich denke, also ist es so.

Er könnte die verbleibenden vier Seiten des Papers zu nutzen, um seine These auf ein solides Fundament zu stellen. Aber stattdessen wirft er dem Leser eine Batterie ähnlich schwach aufgestellter Kritikpunkte an Bitcoin um die Ohren.

Erstens sei es ein „fundamentale Fehler“ von Kryptowährungen, dass die Miner, die das System erhalten, Geld verdienen, indem sie neue Einheiten schöpfen, anstatt am Volumen der Zahlungen zu verdiene. Die Inflation verschleiere „das völlige Versagen von Bitcoin, eine Währung zu werden.“

Zweitens, und irgendwie mit erstens verbunden, nörgelt er, Bitcoin-Transaktionen seien teurer als Banküberweisungen, und „um Größenordnungen langsamer als konkurrierende kommerzielle Systeme“. Um einen Kaffee mit Bitcoin zu kaufen, weiß Taleb, müsse man zehn Minuten warten. Das ganze System sei gar nicht in der Lage, ein großes Volumen von Transaktionen zu verarbeiten.

An dieser Stelle kann man nur noch mitleidig mit den Schultern zucken. Taleb demonstriert hier so glasklar sein Unwissen, dass sich die ganze peinliche Anmaßung enthüllt, die seinem Paper zugrunde liegt: Er hat keine Ahnung, aber weiß es dennoch besser als alle anderen. Cogito, ergo est.

Jeder, der auch nur ein wenig Ahnung von Kryptowährungen hat, der die Transaktionsgebühren von Bitcoin und Ethereum beobachtet, der schon einmal unbestätigte Transaktionen verwendet hat, der die Lightning-Entwicklung beobachtet – jeder, der sich auch nur sporadisch mit Krypto beschäftigt, würde es besser wissen als Taleb.

Aber leider geht das Paper noch weiter.

Weil der Wert nicht inflationiert, kann eine Sache kein Inflationsschutz sein

Taleb schwenkt nun zur Demonetarisierung von Gold um. Bekanntlich wurde mit dem Ende des Bretton-Woods-System 1971 die Konvertierbarkeit des Dollars zu Gold aufgelöst, womit der Dollar nicht mehr (direkt) durch Gold gedeckt war.

Zuvor gab es eine Gold- und Silberblase. Danach haben Gold und Silber eine Menge an Wert verloren. „Noch heute, 41 Jahre später,“ behauptet Taleb nun, „haben weder Gold noch Silber ihre vorherige Spitze erreicht“. Dies gilt natürlich nur, wenn man die Inflation herausrechnet.

Dieser interessante Fun Fact bedeute nun, folgert Taleb aus ziemlich mysteriösen, mal wieder unenthüllten Gründen, dass Gold kein guter Inflationsschutz sei. Moment … nochmal: Wir haben ein Gut, dessen Preis der Inflation so gut widersteht, dass Taleb diese herausrechnen muss, um zu erkennen, dass der Wert stagniert – und dann behauptet er, es sei kein guter Inflationsschutz? Wirklich? Wie kommt man darauf?

Etwas solider ist sein Argument, dass es für eine Währung nicht ausreiche, wenn zwei ökonomische Agenten eine Transaktion in einer bestimmten Einheit abwickeln. Stattdessen müssen auch Löhne in der Währung bezahlt werden und Preise in ihr angegeben werden. Damit Bitcoin Währung ist, bräuchte es also Gehälter in einer fixen Bitcoin-Summe. Dies sei derzeit nicht so und könne auch in Zukunft nicht so sein.

Warum es in Zukunft nicht sein könne, behält Taleb für sich. Aber an sich wäre das ein (altvertrautes, wohlbekanntes) Argument gegen Bitcoin, das man auch stehen lassen kann. Das Paper hat seinen intellektuellen Höhepunkt erreicht.

Wer einmal trickst, dem …

Danach rattert Taleb eine Kette weiterer angeblicher Kritikpunkte herab, die zu widergeben ich mir nicht die Mühe machen möchte. Sie sind teilweise wirr und unverständlich, teilweise substanzlos, teilweise grundfalsch, teilweise nährungsweise solide.

Es ist bei all dem nicht so, dass ich bisher ein Fan von Taleb gewesen wäre. Ich war bei der Lektüre von Skin in the Game nach spätestens der Hälfte extrem genervt. Aber immerhin, ich hatte einen gewissen Respekt vor seinem Intellekt, ich fand seine Thesen inspirierend, originell und herausfordernd, und ich habe sogar bewundert, mit welcher Sprachgewalt und Vehemenz er sie dem Leser in den Kopf hämmert. Dieses Paper hier wirft aber eine andere Frage auf:

Wenn ein Autor die Fähigkeit demonstriert, Unfug als Wissenschaft auszugeben, und daher eine gewisse Chance besteht, dass seine Theorien in Zukunft in eine absorbierende Barriere geraten werden — hat dann alles, was er schreibt und sagt einen Wert von exakt 0?

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