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March 20, 2019
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Warum Altcoins Mist sind – ein Plädoyer für den kompletten Bitcoin

Ein persönlicher Kommentar: Weshalb die Welle der Altcoins das schlechteste ist, was Bitcoin, der Weltwährung, passieren konnte – und weshalb die Einstellung, Bitcoin sei kaputt, so weit verbreitet ist. Leider.

Gelegentlich kommt es vor, dass mich Bitcoiner als Altcoin-  und Shitcoinfan beschimpfen, weil ich dann und wann über andere Coins als Bitcoin berichte. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Im Grunde bin ich ein Maximalist. Ich will keine Kakaphonie der Währungen, sondern eine Währung für alle und alles.

Warum? Ganz einfach. Viele Währungen sind schädlich. Sie befördern keine fruchtbare Konkurrenz der Dienstleister, sondern eine zerstörerische Konkurrenz von Klonen auf verschiedenen Währungen. Es gibt ein Internet, und in diesem konkurriert eine Masse an Dienstleister um die Kunden. Im gnadenlosen Wettbewerb entstehen machtvolle, innovative Dinge. Wenn es dagegen mehrere „Internetze“ gibt, konkurrieren nicht die Dienstleister, sondern die Basis-Plattformen miteinander. Anstatt Innovation auf demselben Markt gibt es Kopien in verschiedenen Märkten. Die Konkurrenz belebt nicht das Geschäft, und der Wettbewerb wird nicht zur höchsten Form der Zusammenarbeit, wie es ein Sprichwort sagt.

Wettbewerb der Klone

Nehmen wir ein Thema, das mich als Journalist besonders beschäftigt: Die Vermarktung von Content. Wenn sich alles auf Bitcoin abspielen würde, hätten wir einen Wettbewerb der Plattformen, die sich gegenseitig Netzwerkeffekte schenken und dafür sorgen, dass sich die beste Plattform durchsetzt. Bekommen haben wir dagegen einen Wettbewerb der Währungen anstatt der Plattformen und Modelle.

Bitcoiner benutzen nur Y’alls (nur mit Lightning), obwohl es echt unattraktiv ist. Bitcoin Casher nur honest.cash, obwohl es dort kaum Content gibt, während Bitcoin-SV-Fans nur Yours.org benutzen, das nett, aber recht leer ist. Für Stellar-Fans gäbe es noch SatoshiPay, aber dafür gibt eigentlich gar keinen Content. Fans anderer Währungen, sagen wir, IOTA, Ethereum oder Monero, werden überhaupt nicht für Content bezahlen, solange das nicht in „ihrer“ Währung geht. Die einzige Plattform, die einigermaßen lebendig wurde, ist Steemit.

Nicht anders sieht es mit Social-Media-Tipping aus und mit vielem mehr: Bitcoiner nutzen Tippin.me (mit Lightning), Bitcoin Casher den tiprbot, Ripple-Fans den xrptipper, und Anhänger von Ethereum oder Monero tippen eben noch nicht, solange sich niemand bequemt, auch für ihren Coin eine Kopie eines Tippers zu bauen. Die Innovationen, die Bitcoin fürs Bezahlen ermöglicht, versickern, wenn es keine Konkurrenz der Plattformen gibt, sondern eine Konkurrenz der Währungen.

Dasselbe gilt für die Zahlungsdienstleister: Anstatt neue Kunden für Bitcoin zu gewinnen, investieren sie ihre Zeit darin, neue Kryptowährungen zu denselben Kunden zu bringen. Das Produkt selbst – die Akzeptanz im Handel – stagniert, während es auf andere Blockchains kopiert wird.

Nicht zuletzt die Heerscharen an jungen, motivierten, fähigen Entwicklern, die Altcoin-Protokolle bilden. Man stelle sich nur vor, diese Entwickler würden Anwendungen für Bitcoin bauen, anstatt immer wieder das Fundament, auf dem ein Geldsystem entsteht, von neuem zu legen.

„Bitcoin ist kaputt, kauf‘ meinen Coin“

Das ist nur eine Seite dieser giftigen Anreize, die Altcoins setzen. Der andere ist, dass die beinah einzige Legitimation von Altcoins darin besteht, zu erklären, Bitcoin sei nicht gut genug.

Sobald jemand tiefer in Altcoins einsteigt – also Investor und Fan wird – geht es ihm nicht mehr um den Erfolg von Bitcoin. Sondern um dessen Misserfolg. Anstatt Bitcoin realistisch zu betrachten, setzt er eine schwarze Brille auf und macht Bitcoin schlecht, wo es nur geht. Ein großer Teil der Vorurteile, die es gegen Bitcoin gibt, kommen genau daher – von Altcoinern, die versuchen, ihren eigenen Coin zu bewerben, indem sie Bitcoin schlecht machen.

Zum Beispiel Litecoin und Dash. Sie sagen, Bitcoin skaliert nicht genug, deswegen brauchen wir eine zweite oder dritte oder vierte Währung. Ripple und IOTA sagen auch, dass Bitcoin nicht gut genug skaliert, und fügen hinzu, dass Proof of Work umweltschädlich ist. Deswegen brauche es einen anderen Konsens-Algorithmus. Und ach ja, Bitcoin ist viel zu langsam, daher braucht es schnellere Währungen. Monero, Zcash und Grin bemängeln dagegen, dass Bitcoin nicht privat genug ist, weshalb Coins Ringsignaturen, Zero-Knowledge Proofs und so weiter notwendig sind. Und Ethereum schließlich sagt, Bitcoins Skriptsprache ist nicht flexibel genug, weshalb man eine Blockchain mit Solidity braucht.

Jeder einzelne Altcoin hat nur dann eine Existenzberechtigung, wenn Bitcoin kaputt ist. Es ist logisch, dass diejenigen, die solche Altcoins entwickeln oder halten, einen Anreiz haben, Bitcoin schlecht zu reden. Das passiert jeden Tag. Bitcoin kann onchain oder offchain skalieren – genauso egal wie die Tatsachen, dass unbestätigte Transaktionen für die meisten Fälle ok sind, Bitcoin-Transaktionen eine hohe Privatsphäre bieten und das Mining überwiegend durch erneuerbare Energien gespeist wird. Egal.

Die größte Propaganda gegen Bitcoin kommt nicht, wie man eigentlich erwartet hätte, von den Banken und Regierungen, also den Instanzen, auf die Bitcoin disruptiv wirkt – sie kommt von den Coins, die für Bitcoin disruptiv sein wollen. Es hat etwas von einer Kannibalisierung. Die Revolution frisst nicht ihre Kinder. Die Kinder fressen die Revolution.

Auch Bitcoin findet sich selbst nicht gut genug

Versteht ihr, weshalb Altcoins Mist sind? Aber leider ist es damit noch nicht vorbei.

Ein verwandtes Problem ist leider, dass man die „Bitcoin ist nicht gut genug“-Franktion auch in der Bitcoin-Szene selbst findet. Im Grunde beherrscht sie sie, und zwar allen voran die „Bitcoin-Maximalisten“. Der Maximalist Giacomo Zuccho hat einmal treffend gesagt, er sei eher „Minimalist“ als Maximalist. Minimaximalisten wie er erwarten von Bitcoin, wie es ist, in gewisser Weise wenig. So wie die Altcoiner sind sie überzeugt, dass die zugrundeliegende Technologie nicht gut genug ist: Skaliert nicht gut genug, ist nicht privat genug, ist nicht sicher genug für Smart Contracts.

Ironischerweise hat ein Großteil der Argumente, mit denen Altcoiner über Bitcoin herziehen, seinen Ursprung bei diesen Bitcoin-Maximalisten. Die Maximalisten reagieren darauf, indem sie entweder Dinge für unmöglich und Quacksalberei und Betrug erklären – etwa die Onchain-Skalierung oder Smart Contracts wie bei Ethereum – oder sagen, man könne sie auch mit Bitcoin machen. Bitcoin kann gut genug skalieren, Bitcoin kann privat genug sein. Allerdings nicht Bitcoin, wie man es kennt, sondern Bitcoin als Lightning-Netzwerk oder Sidechain von Blockstream oder RSK. Erst „offchain“ vollendet Bitcoin.

Der Grundgedanke ist auch hier: Bitcoin an sich ist nicht genug. Onchain ist kaputt. Während Altcoiner Bitcoin durch neue Kryptowährungen reparieren wollen, wollen die „Bitcoin-Maximalisten“ das, was passiert, von der Blockchain nehmen, die selbst „minimalistisch“ verwendet wird: als reine Settlement-Schicht für das wahre Geschehen, das einmal offchain ablaufen wird. Das, was Bitcoin vom obskuren Winzling im Jahr 2009 zu einem fast schon monströsen neuen Geld im Jahr 2019 machte, das ist kaputt, wenn man Bitcoin als Weltgeld verwenden wird. Aber vielleicht kann man es retten, wenn man Transaktionen über Lightning schickt oder Smart Contracts auf einer anderen Chain ausführt.

Der komplette Bitcoin

Ich möchte hier gar nicht auf die Probleme eingehen, die ich darin sehe, die Nutzererfahrung von Bitcoin zu zersplittern und das, was bisher funktioniert hat, durch etwas vollkommen Experimentelles neu zu erfinden. Aber das ist der Weg, den Bitcoin geht, und den kann man nun mal nicht ändern.

An dieser Stelle wird es vielleicht etwas doppelbödig. Denn für mich sind Bitcoin Cash und Bitcoin SV keine Altcoins. Sie sind Verwirklichungen des Potentials, das in Bitcoin liegt: der Skalierung onchain. Sowohl Bitcoin Cash als auch Bitcoin SV sagen, dass es weder Ripple noch IOTA, weder Lightning noch Liquid braucht, um Bitcoin zu skalieren, weil er so, wie er ist, funktioniert. Bitcoin SV sagt sogar, dass Bitcoin alles kann, was Ethereum kann, wenn man – wie es Bitcoin SV gemacht hat – die ursprünglichen Skriptbefehle von Satoshi reaktiviert. Auch in Sachen Privatsphäre sagen Vertreter von Bitcoin SV, dass Bitcoin privat genug ist, und ergänzen, dass Bitcoin vor allem auch transparent genug sei. Es gibt nichts zu verbessern.

Als Altcoin sind Bitcoin Cash und Bitcoin SV darum langweilig. Sie weichen nur geringfügig von Bitcoin ab, schleppen eine riesige Blockchain hinter sich her, und haben mehr als 75 Prozent aller Coins schon geschürft. Technisch gibt es wenig Innovation, zumindest im Vergleich zu Coins wie Ethereum, Ripple, Monero oder IOTA, die das System teilweise oder vollständig aufbauen. Warum auch? Bitcoin funktioniert, wie es ist.

Wobei Bitcoin Cash ebenfalls von diesem Glauben abgefallen ist. Die ABC-Entwickler sind erpicht darauf, mit technischen Innovationen aufzuwarten, erst CTOR mit der November-Fork, dann Schnorr mit der Mai-Fork. Auch sie scheinen mittlerweile in den Chor einzustimmen, dass Bitcoin nicht gut genug ist; kleine Verbesserungen waren ihnen so wichtig, dass sie dafür das Netzwerk gespalten haben. Aber wer weiß – vielleicht ist die Version „Wir hardforken Bitcoin, bis er gut ist“ auch berechtigt.

In jedem Fall bleibt damit Bitcoin SV der einzige Bitcoin, dessen Fans daran glauben, dass er so, wie es ist, funktioniert. Ich selbst stehe dem mit viel Sympathie gegenüber – schließlich haben wir Bitcoin so, wie es ist, noch niemals wirklich ausprobiert.

Aber um ehrlich zu sein: das hilft nicht viel. Bitcoin ist eben das, was alle Leute für Bitcoin halten, und das ist BTC. Man kann so gut wie nirgendwo mit Bitcoin SV bezahlen, die Märkte sind illiquid, der Preis höchst volatil, es gibt keine Szene, und so weiter. Wenn man sagt, dass Bitcoin SV Bitcoin sei, ist Bitcoin auf den Stand von 2010 zurückgefallen. All die Mühe und Arbeit, die seit 10 Jahren betrieben wird, um Bitcoin in die Welt zu bringen  – wäre umsonst gewesen.

Ohne Zweifel liegt die größte Chance eines Erfolges darin, dass sich Bitcoin, also BTC, durchsetzt. Auf diese oder eine andere Weise. Aber da BTC nur ein Potential von Bitcoin erlaubt – und zwar als dezentrales Netzwerk der privaten Full Nodes offchain zu skalieren – scheint es mir sinnvoll, ein Backup zu behalten – einen Bitcoin, der das Potential ausschöpfem kann, als dezentrales Netzwerk der kommerziellen Full Nodes onchain zu skalieren. Daher fühle ich mich – ganz persönlich – am wohlsten damit, eine Art „Bitcoin Complete“ zu haben, den kompletten Bitcoin, auf allen drei relevanten Forks: BTC, BCH und BSV. Mit einer 1er Adresse kann man sie alle drei empfangen, mit Electrum in seinen jeweiligen Versionen verwalten. Die Nutzererfahrung ist identisch.

Das ist alles andere als ein Investment-Ratschlag. Ich bin ziemlich sicher, dass man im Kryptomarkt auf andere Weise viel besser fahren wird. Ripple war zum Beispiel eine recht gute Investition in den letzten Monaten. Aber damit werde ich nicht warm, Sorry. Ich sehe in „Bitcoin komplett“ die beste Chance, dass Bitcoin das Versprechen erfüllt, das er darstellt: Ein freies, dezentrales, offenes, stabiles Geld für die ganze Welt zu werden.

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