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Verklag‘ mich doch: Die vielen Gerichtsprozesse des Craigh Wright

Der angebliche Satoshi Craig Wright überzieht das Ökosystem mit juristischen Drohungen – und schweisst dieses dabei zusammen. Ein gemeinsamer Feind verbindet selbst diejenigen, die sich zuvor bekriegt haben. Zugleich muss sich Wright selbst vor einem amerikanischen Gerichtshof verteidigen.

Anwälte rund um das Londoner Hauptquartier von Craig Wrights nChain dürften derzeit alles andere als einen Auftragsmangel haben. Nicht nur, dass der angebliche Satoshi unermüdlich alles zum Patent anmeldet, was sich nicht auf drei versteckt – nun beginnt er auch, juristische Drohungen in alle Himmelsrichtungen zu versenden. Wir erklären die juristischen Händel, in die Wright verflochten ist, einen nach dem anderen. Der aktuellste Fall kommt erst am Ende.

Die juristischen Folgen der Hardfork

Es begann bereits vor einigen Monaten, unmittelbar nach der desaströsen Bitcoin Cash Hardfork. Eine Firma aus Florida begann, Klageschriften gegen Entwickler von ABC sowie gegen Bitcoin.com, Kraken und Bitmain zu verschicken, in denen diese angeklagt werden, gemeinsam eine Verschwörung gegen Bitcoin geplant zu haben, um BCH als Tickersymbol für die von ABC durchgeboxte Version zu etablieren.

Im Wortlaut: Das Vergehen „beinhaltet ein enges Netzwerk von Individuen und Organisationen, die den Kryptowährungs-Markt für Bitcoin Cash manipuliert, das Bitcoin-Cash-Netzwerk effektiv entführt, den Markt zentralisiert und alle Arten von akzeptierten Standards, Protokolle und Verhaltensregeln verletzt haben, die mit Bitcoin verbunden sind.“ Dies habe „einen globalen Markt-Zusammenbruch“ ausgelöst, der „mehr als vier Milliarden Dollar zerstört und vielen US-Investoren – darunter auch dem Kläger – großen Schaden bereitet haben.“ Angesichts der Tatsache, dass ABC mit einigen Börsen Versionen ihrer Software mit Checkpoints vorab ausgeliefert hat, ist dieser Vorwurf nicht ganz an den Haaren herbeigezogen, wenn auch vermutlich gerichtlich schwer durchsetzbar.

Die Klage geht nicht direkt von Wrights nChain aus, sondern von einer „United American Corp.“ Allerdings wird sie, natürlich, mit Craig Wright und seinem Verbündeten Calvin Ayre in Zusammenhang gebracht und allgemein als Versuch bewertet, Open Source Entwickler juristisch anzugreifen. Betroffen sind unter anderem die ABC-Entwickler Amaury Sechet, Shammah Chancellor und Jason Cox. Innerhalb des Bitcoin-Cash-Ökosystems hat sie einerseits zu einem verstärkten Zusammenhalt geführt, andererseits aber auch Zwist entfacht. So haben etwa mehrere in ABC involvierte Akteure – darunter Amaury und Shammah – Bitcoin-Unlimited verlassen, weil sie der Meinung sind, dass Bitcoin Unlimited die Klage nicht entschieden genug verurteilt.

Wenn dich die eigene Schöpfung verklagt

In den USA findet sich Craig Wright derweil auf der anderen Seite der Anklagebank wieder. Ira Kleiman, der Bruder des verstorbenen Dave Kleiman, der Craig Wright zufolge sein Partner bei der Erfindung von Bitcoin war, erklagt von Wright die unglaubliche Summe von 10 Milliarden Dollar. Die Klage wurde vor gut einem Jahr bekannt – wir haben mit großem Amüsemant darüber berichtet, wie ein Protogonist der von Wright vermutlich erfundenen Satoshi-Story aus dieser aufsteigt, um von Wright einen Anteil an einem Bitcoin-Schatz, der gar nicht existiert, zu verklagen.

Nun wird diese Klage also tatsächlich ausgetragen. Bisher fand eine erste Anhörung der Anwälte statt, bei der es vor allem darum ging, einen Überblick über die unglaubliche Menge an Dokumenten und Unterlagen zu geben, die die armen Anwälte durchwälzen müssen. Es gab im Anschluss auch eine in London stattfindende telephonische Befragung von Wright, über die aber nur eine Zusammenfassung der noch offenen Fragen verfügbar ist. Brisanterweise verweigert Wright einige Antworten mit Hinweis auf die „nationale Sicherheit“. Dies wird entweder als Versuch von ihm gedeutet, sich phantasievoll aus der Affäre zu winden, oder als Hinweis darauf, dass Wright in irgendeiner Weise mit Geheimdiensten verbandelt ist.

Wright selbst hat die Klage im Vorfeld ausgiebig als Moment der Wahrheit inszeniert. Für ihn gehe damit endgültig die Privatheit verloren; er sei bereit, die Verantwortung für die Schaffung von Bitcoin zu übernehmen, sich vor Gericht nackt auszuziehen, es endgültig zu beweisen, dass er Satoshi ist, was auch immer das für Konsequenzen haben werde. Bislang aber ist noch nicht bekannt, ob er diese Ankündigung umgesetzt hat.

#weareallhodlonaut

Im aktuellsten und aufregendsten Fall geht es ebenfalls um die Frage, ob Craig Wright Satoshi ist oder nicht. Nachdem es auf Twitter zum Trend wurde, ihn einen Betrüger und Faketoshi zu nennen, hat Wright gedroht, diese angeblichen Verleumdungen anzuklagen. Die (erwartbare) Reaktion der Community war, dass die „Craigh Wright ist nicht Satoshi“-Tweets epidemisch wurden.

Nun haben die ersten Leute Post von Wrights Anwälten bekommen. Der erste bekannte Fall ist ein Twitter-User namens „Hodlonaut“, der vor allem dafür bekannt ist, die Lightning-Torch begonnen zu haben. Er hat wohl wiederholt Wright als „Fraud“ beschuldigt und gesagt, Wright sei nicht Satoshi. Vor allem aber hat Hodlonaut das Twitter-Hashtag #CraigWrightIsAFraud gestartet, was man als Initiation einer Kampagne gegen Wright deuten kann. Nachdem ihn dessen Anwälte aufgefordert hatten, die entsprechenden Tweets zu löschen und öffentlich und vor Gericht zu erklären, dass Wright sehr wohl Satoshi sei, hat Hodlonaut tatsächlich seinen Twitter-Account gelöscht bzw. geleert.

Profilbild von Hodlonaut

Da die Identität von Hodlonaut nicht bekannt ist – der Brief wurde per Twitter zugestellt – setzt Wright ein Kopfgeld von 5.000 Dollar auf Hinweise aus, die zu diesem führen. Es gibt Vermutungen, dass er in Norwegen lebt und an der Baltic Honeybadger Konferenz teilnehmen wird, wo Kopfgeldjäger ihn an bestimmten Tattoos auf den Armen erkennen können. Dieses Kopfgeld führte (erwartbarerweise) dazu, dass sich sofort ganz Twitter mit Hodlonaut verbündete. Hunderte von Leuten benannten ihren Twitter-Namen in Hodlonaut (oder eine Variation davon) um, übernahmen das Profilbild von Hodlonaut (eine Katze im Astronautenanzug) und tweeteten, dass Craig Wright ein Betrüger sei. Unmittelbar wurde auch eine Webseite gestartet, die Spenden sammelt, damit sich Hodlonaut vor Gericht verteidigen kann. Bisher kamen dadurch knapp 30.000 Dollar zusammen.

Zugleich erhielten noch andere, besser bekannte Protagonisten des Krypto-Ökosystems einen Brief von Wrights Anwälten. Zum einen der Videojournalist Peter McCormack, der mit seinen Interviews mit „What Bitcoin did“ eine veritable Bekanntheit erlangt hat. Für Aufsehen sorgte er erst vor kurzem, als er für eine Lightning-Serie den Lightning-Kritiker Peter Rizun einlud, ihn nach Druck der Lightning-Community wieder auslud, um ihn dann kurz darauf doch wieder einzuladen.  McCormack hat die Anwaltsbriefe veröffentlicht, danach ein Selfie mit einem T-Shirt geschossen, auf das „Craigh Wright is a fraud“ gedruckt ist, und sein scharfes, aber amüsantes Antwortschreiben gepostet. Er ist zuversicht, dass es nicht zu einem Prozess kommen wird, freut sich aber darauf, falls dies doch passiert.

Weiter hat auch der Ethereum-Mitgründer Vitalik Buterin Post von Anwälten bekommen. Buterin hat in der Vergangenheit mehrfach geäußert, dass Craig Wright ein „Fraud“ sei. Erst vor kurzem empörte er sich darüber, dass auf einem Panel bei einer Kryptowährungs-Konferenz zum Thema Skalierbarkeit auch zwei Anhänger von Bitcoin SV eingeladen waren. Wie Buterin auf die Briefe der Anwälte reagiert, ist bisher aber noch nicht bekannt.

Troll-Jäger und verschüttete Milch

Craig Wright und sein Verbündeter Calvin Ayre inszenieren sich derzeit als „Troll-Jäger.“ Tatsächlich ist ihr Fall insoweit einzigartig, als dass sie versuchen, gerichtlich gegen ein schwer zu bändigendes Phänomen vorzugehen – die (angebliche) Verleumdung durch eine Masse an anonymen oder pseudonymen Teilnehmern von Online-Diskussionen. Ihr Plan ist es wohl, einzelne, exemplarische Treffer zu erzielen, um alle anderen davon abzuschrecken, die Vorwürfe an Wright zu wiederholen. Ob dies bei einer tendenziell anarchistischen und finanziell nicht unterversorgten Szene wie bei Kryptowährungen, deren Akteure zudem technich kompetent genug sind, um ihre Anonymität im Internet zu wahren, funktioniert, darf bezweifelt werden.

Allerdings hat Calvin Ayre erst vor kurzem demonstriert, dass Gerichte einen auch im Internet vor rufschädigenden Informationen schützen können. Denn Ayre – ein lebensfroher kanadischer Milliardär, der in der Karibik lebt – posted regelmäßig Fotos von ihm mit leicht bekleideten Frauen, in der Regel auf Yachten, in luxuriösen Speisesäälen oder Pool-Parties. Kürzlich postete er ein recht geschmackloses Bild von Tänzerinnen, die einen Arsch-betonten Tanz aufführten, und auf einem anderen Bild mit Ayre so ausssahen, als seien sie noch keine 16 Jahre alt.

Prompt ging die Rede vom „Pedo“ durch Twitter – was durch das Bild, das geschmack- und würdelos ist, nicht gerechtfertigt wird. Das Magazin CoinRivet, das darüber berichtet hatte, ohne den notwendigen Abstand zum Vorwurf zu halten, wurde von Ayre juristisch angegangen und hat eine formelle Entschuldigung veröffentlicht.

Kein Heldenmut

Was ist von all dem zu halten? Als jemand, der Bitcoin SV und Craig Wright mehr Sympathie entgegenbringt als vermutlich 99,5 Prozent der Szene, habe ich dazu natürlich eine Meinung.

Zum einen denke ich, dass es nicht eben notwendig gewesen ist, die Welt zu diesem Zeitpunkt so penetrant darauf hinzuweisen, dass Wright ein Hochstapler ist. Dies wird seit rund drei Jahren fortlaufend auf allen Kanälen gepredigt, und nachdem Wright erst mit BCH Bitcoin, und dann mit BSV Bitcoin Cash verlassen hat, ist er ohnehin in einer relativ kleinen Ecke gelandet, von der aus ihn die Bitcoin- und auch die Bitcoin-Cash-Szene genüsslich ignorieren kann.

Abgesehen davon, dass es nicht notwendig ist, finde ich es auch begrenzt heldenhaft, auf jemanden einzutreten, auf den ohnehin schon seit Jahren geschossen wird. Es wurde alles tausendmal gesagt; wer jetzt noch einen drauflegt, interessiert sich vermutlich weniger dafür, Leute über Wright aufzuklären, als sein eigenes öffentliches Profil zu schärfen.

Zum anderen habe ich auch Erfahrung damit, mit unbedachten Äußerungen Anwälte einzuladen, Briefe zu versenden. Meinungsfreiheit deckt die Äußerung von Meinungen, aber eben nicht die von unbewiesenen oder falschen Tatsachen. Da es zwar wahrscheinlich, aber nicht bewiesen ist, dass Wright nicht Satoshi ist, ist es riskant, dies als Tatsache zu äußern. Es wäre so einfach gewesen, zu sagen, „Ich bezweifle, dass Craig Wright Satoshi ist“, um nur ein Beispiel zu nennen.

Wenn dazu noch die Aussage kommt, dass Craig Wright ein „Betrüger“ ist, wird es erst recht heikel. Im Englischen ist das Wort „fraud“ zwar doppeldeutiger als das deutsche Wort „Betrug“, aber es könnte auch implizieren, dass Wright Leuten durch falsche Aussagen Geld aus der Tasche zieht. Da es bisher keine einzige Person gibt, die Craig beschuldigt, durch ihn Geld verloren zu haben, dürfte dies hart an der Grenze zur Verleumdung stehen.

Dies verdeutlich erneut, wie unnötig die Anti-Craig-Welle war. Es gibt einen epidemischen Betrug im Ökosystem, bei dem tatsächlich Menschen Geld verlieren, und zwar jeden Tag, und bei der Betrüger sich jeden Tag neue Ideen einfallen lassen, um unbedarfte Krypto-Neulinge übers Ohr zu ziehen. Angesichts dessen ist es schreien unnötig, Leute in der Dauerschleife vor jemandem wie Wright zu warnen, der vielleicht ein Scharlatan ist, aber kein Betrüger in diesem Sinne. Dies zeigt erneut, dass es weniger darum geht, die Öffentlichkeit aufzuklären, als eine wie auch immer geartete Stellung zu beziehen.

Gleichzeitig denke ich aber auch, dass es nicht allzu klug ist, mit Anwälten in alle Richtungen zu schießen. Die (erwartbare) Reaktion hat das Ökosystem nur noch stärker in Opposition zu Wright gebracht. Es wird, egal wie viele Anwälte man beschäftigt, kaum mehr möglich sein, das verschüttete Wasser zurück in die Flasche zu gießen, und die Mitleidenden sind Bitcoin SV (BSV) sowie die (wenigen) Fans, die diese Kryptowährung hat. Es wirkt, bis jetzt, wie ein gigantisches Eigentor, und die Erfolgsaussichten einer solchen Klage sind überschaubar, sofern Craig Wright nicht vor Gericht beweist, Satoshi zu sein. Er hat dies zwar angekündigt, aber es wäre angesichts seiner vergangenen Handlungen eher eine Überraschung, wenn er die Ankündigung wahrmacht, als wenn nicht.

Und wenn er beweisen kann, Satoshi zu sein – dann sollte er dies einfach machen, anstatt zunächst noch mehr und mehr Erde zu verbrennen und Gläser zu zerbrechen. Immerhin scheint er sich jetzt selbst in eine Lage manöveriert zu haben, in der er entweder tatsächlich beweist, Bitcoin erfunden zu haben – oder endgültig scheitern wird.

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