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… und angeblich war es ein einzelner Wal, der 2017 die Preise nach oben getrieben hat.

Und alle Tage grüßt das Tether-Drama. Ein Update einer Studie behauptet, ein einzelner Wal habe den Preis 2017 im Alleingang nach oben getrieben. Die Medien stürzen sich auf diese Neuigkeit – während das Update noch gar nicht veröffentlicht ist und viele in der Krypto-Szene heftig widersprechen.

Ein wenig wird man das Gefühl nicht los, dass nur jemand Wörter wie Tether, Betrug und Manipulation auf einen Zettel schreiben muss, um die Titelzeilen von Magazinen und Zeitungen zu erreichen. Der jüngste Aufreger ist bislang eigentlich eine Nicht-Nachricht, die aber dadurch, dass sie durch alle Medien geistert, zur Nachricht mutierte.

Es geht um folgendes: Zwei Wissenschaftler aus Texas und Ohio haben im Juni 2018 ein Paper veröffentlicht, in dem sie erklären, dass die Rally Ende 2017 ein Produkt einer Marktmanipulation gewesen sei, in dessen Zentrum ungedeckte Tether-Dollar stünden. Tether sind sogenannte Stablecoins, die durch angebliche Dollar auf einem Bankkonto gedeckt werden und mittlerweile der meistgehandelte Coin auf den Kryptobörsen sind.

Die Studie war wissenschaftlich solide gemacht, indem die Autoren den Fluss von Bitcoins und Tether zwischen den großen Börsen untersucht und ausgewertet haben. Allerdings mangelt es ihr an einer konkreten Methode, um zu erkennen, was Ursache und Wirkung ist: Wenn der Bitcoin-Preis sinkt und dann Tether gedruckt werden – passiert das, weil jemand schnell kaufen will, oder passiert es, weil ein Manipulator den Sturz aufhalten möchte? Und wenn der Bitcoin-Preis steigt, nachdem Tether gedruckt wurden – sind die Tether dann Ausfluss von Nachfrage oder von Manipulation?

Die Autoren versuchen zwar, Fragen um diesen Zusammenhang zu erklären, liefern dabei aber kein direkt überzeugendes Ergebnis. Diese Unsicherheit macht die Schlussfolgerungen des Papers etwa spekulativ bzw. gewollt in eine bestimmte Richtung gepresst. Dennoch verleiht die Studie dem langanhaltenden Verdacht um die Manipulation durch Tether  Gewicht.

Nun gibt es also ein Update des Papers, in dem die Autoren nochmal nachlegen, und noch bevor es offiziell erschienen ist, macht es überall die Runde. Der Preis von Bitcoin sei nicht nur durch die Tether nach oben manipuliert worden – es stehe auch noch ein einzelner großer Akteur – ein sogenannter Wal – dahinter. Wir wurden, so die Botschaft, alle rundheraus betrogen; es war kein kollektiver Kraftakt, der Bitcoin hochschießen ließ, und keine globale Begeisterung für Kryptowährungen, sondern die Manipulation eines einzelnen Puppenspielers; so wie in Zolas Roman Das Geld ganz Paris zum Opfer der Marktmanipulation von Aristide Saccard wurde, wurde es im Jahr 2017 die ganze Welt.

Da das Paper erst kommenden Montag im Journal of Finance erscheinen soll, können wir an dieser Stelle noch nicht viel dazu sagen. Bloomberg und das Wall Street Journal zitieren es schon vorab: Die Forscher haben rund 200 Gigabyte an Datenströmen ausgewertet. Dabei zeigten sich klare Muster, wie die Tether zunächst auf Bitfinex aufschlagen und von dort aus auf das Ökosystem verteilt werden.Dass diese Muster regelmäßig anstatt zufällig sind, zeigt den Autoren, dass es sich um keine organische Nachfrage handelt, sondern um Betrug. In  dem neuen Paper erklären sie zudem, dass dieses Muster “von einem einzelnen Account getragen wird, ohne auf anderen Börsen beobachtbar zu sein.”

Der einzelne Account operiert auf Bitfinex, der größten Kryptobörse der beobachteten Zeit. Die Studie sagt nicht, wer der Account sein könnte; im Interview mit dem Wall Street Journal meint aber einer der Forscher, der Account müssen bei den Managern von Bitfinex bekannt und von diesen gestützt werden. Falls es nicht Bitfinex selbst sei, dann jemand, mit dem die Börse sehr oft Geschäfte macht.

Tether weist die Vorwürfe von sich. Der Anwalt der Firma, Stuart Hoegner, sagte, das Paper enthalte “grundsätzliche Fehler”, weil es auf unzureichenden Daten basiere. Nicht Manipulation, sondern “der globale Aufstieg von digitalen Währungen” hab die Nachfrage nach Tether angetrieben. Die Forschung sei vermutlich veröffentlicht wurden, um einen “parasitären Gerichtsprozess” zu unterstützen. Es sei “ein transparenter Versuch, den Anschein der Wissenschaftlichkeit für einen Griff nach Geld zu missbrauchen.” Die beiden Wissenschaftler lehnen den Vorwurf, mit einem Gerichtsverfahren zu tun zu haben, zwar zurück. Doch tatsächlich basiert eine vor kurzem initiierte Sammelklage gegen Bitfinex und Tether exakt auf dieser Hypothese: Die Firma habe mit ungedeckten Tether den Markt manipuliert. Das Paper der beiden Forscher dürfte Wasser auf den Mühlen der Klage sein.

Weite Teile der Kryptoszene lehnen die Theorie des einen Wales, der die Preise manipuliert hat, kategorisch ab. Schließlich war es offensichtlich, dass es eine globale Nachfrage nach Bitcoins und anderen Kryptowährungen gegeben hat. Zahlreiche Börsen mussten die Anmeldungen neuer Kunden aussetzen, weil der Ansturm auf die Kryptocoins ihre Server ins Wanken brachte.

Das Magazin Decrypt.co titelt “Nein, es war kein einzelner Wal, der den Aufstieg von Bitcoin 2017 verursacht hat“. Es zitiert Mati Greenspan, Analyst von eToro, der sagt: “Es gibt keine Methodologie auf diesem Planeten, die mich davon überzeugen wird, dass dieser Narrativ akkurat ist. Auf eToro wurden Millionen von Accounts eröffnet, um Krypto zu handeln. Das kann nicht durch einen einzelnen Wal ausgelöst worden sein.” Auch Gabor Gurbucs von VanEck (einem Bitcoin-ETF, der noch immer an der Regulierungsschwelle hängt), lehnt die Folgerung der Wissenschaftler mit scharfen Worten ab. “Ich bin weiterhin enttäuscht, dass Karrierewissenschaftler daran scheitern, die Grundlage der Marktstruktur von Bitcoin und Krypto zu verstehen oder die Fundamente von Ursache und Wirkung. Der Auftstieg von Tether ist ein Resultat einer organischen Nachfrage nach Bitcoin und Krypto in einer Periode des Hyperwachstums.”

Das Magazin Cryptoslate zitiert zudem noch Ari Paul, den Mitgründer von BlockTower Capital: Zu behaupten, die Blase 2017 sei fabriziert gewesen, weil die Mehrheit der Trading-Aktivität von einer Plattform gekommen sei, sei so, wie zu sagen, die traditionellen Finanzprodukte seien manipuliert, weil ihr Volumen vor allem von Treuhändern kommt. “Diese ‘Forschung’ basiert auf einem elementaren Misverständnis, wie Finanzprodukte funktionieren.” Auch Samson Mow, CSO von Blockstream, lässt sich nicht lange um ein Statement bitten: Die Voraussetzung des Papers sei “lächerlich” und das neueste Update “ebenso zum Lachen.” Wenn die Forscher glaubten, dass ein einzelner Wal die Preise von Bitcoins und anderen Assets manipulieren könnten, “dann denken sie wahrscheinlich auch, dass der Weihnachtsmann mit seinem fliegenden Rentierschlitten die Geschenke zu jedem einzelnen Kind der Welt bringt.” Was Samson dabei verschweigt, ist, dass Bitfinex (und damit Tether) in seine Firma Blockstream investiert hat und er nicht ganz unabhängig ist.

Solange das Paper noch nicht veröffentlicht ist, ist es jedoch müßig, darüber zu spekulieren, wie valide die Resultate sind. Dass es dennoch schon im Vorfeld so heftig diskutiert wird, zeigt, dass die Medien noch immer auf den Tod von Bitcoin und Co warten, während die Bitcoin-Szene die Tether-Affäre mit dünner werdender Haut beäugt.

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