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Krypto-Krimi aus Norwegen: Wer entführte Anne-Elisabeth Hagen?

Seit rund eineinhalb Jahren beschäftigt sich die norwegische Presse obsessiv mit einem Entführungsfall. Anne-Elisabeth Hagen, die Frau eines der reichsten Norwegers, wurde Ende 2018 entführt. Die Kidnapper verlangten von dem vielfachen Millionär eine hohe Lösegeldforderung – und zwar in der Kryptowährung Monero. Das Drama hat seitdem nicht aufgehört und zu unerwarteten Verdächtigungen geführt. War es Entführung – oder sogar ein geplanter Mord?

Man sagt ja, dass Skandinavier Krimis lieben, und ich stelle mir gerne vor, wie ein großer, blasser Norweger mit weißen Haaren in seinem Holzhaus am Fjord vor dem Kamin sitzt und gebannt seinen Krimi liest.

Der derzeitige Top-Krimi der Norweger wurde jedoch nicht als Buch herausgegegen. Stattdessen berichten die Zeitungen darüber. Denn es gab in Norwegen nach langer Zeit wieder ein spektakuläres Verbrechen, und das ganze Land verfolgt aufmerksam jede Neuigkeiten dazu. Für die Medien ist das fast so gut wie Corona.

Der Fall ist die Entführung von Anne-Elisabeth Hagen. Das ist die Frau von Tom Hagen, dem 127-reichsten Einwohner des Landes. In Norwegischen Kronen gerechnet ist der Unternehmer Milliardär, wenn man es in Euro übersetzt, ist er ein dreistelliger Millionär.

Anne-Elisabeth wurde am 31. Oktober 2018 in ihrem Haus in Lørenskog entführt, einer kleinen Gemeinde unmittelbar bei Oslo. Die Kidnapper hinterließen einen Brief in gebrochenem Norwegisch, der fünf Din A4 Seiten umfasste. Tom Hagen las in ihm, dass er weder zur Polizei noch zur Presse gehen sollte, wenn er seine Frau leben wiedersehen wolle, und dass er neun Millionen Euro in der Kryptowährung Monero zu bezahlen habe.

Zwei Tage später informiert Hagen die Polizei in dem Örtchen Lillestrøm, ebenfalls nahe bei Oslo gelegen. Seitdem läuft ein Krimifall, der der Währung Monero in Norwegen eine unschöne Berühmtheit verschafft, und bei dem die Presse gierig versucht, alle Details ans Tageslicht zu ziehen. Von Hagens Frau Anne-Elisabeth fehlt weiterhin jede Spur.

Der Bitcoin-Morsecode

Die Kidnapper wissen recht gut Bescheid über Kryptowährungen. Entführungen scheitern bekanntlich oft an der Übergabe des Geldes. Banküberweisungen kommen nicht in Frage, und Bargeld muss an irgendeinem physischen Ort abgelegt werden, wo die Polizei die Täter oft festnehmen kann. Kryptowährungen sind hier ein „gutes“ Instrument, da man sie anonym und ohne Kontakt empfangen kann. Daher wird schon seit rund acht Jahren gefürchtet, dass virtuelle Währungen zu einem Comeback des Kidnappings führen.

Bitcoin allerdings hinterlässt eine deutliche Transaktionsspur, die schon oft zu Festnahmen geführt hat. Es kann sein, dass die Instrumente, um Bitcoins zu verschleiern, für kleinere Verbrechen ausreichen. Bei einem Kapitalverbrechen wie einer Entführung hingegen könnte die Polizei jedoch lange genug ermitteln, bis sie auch das Mixing von Coins bricht. Daher haben sich die Entführer von Anne-Elisabeth Hagen für Monero entschieden, einer Kryptowährung, die mit verschiedenen kryptographischen Methoden das vermutlich höchstmögliche Maß an Anonymität erreicht.

Für Tom Hagen war dies verwirrend. Er sagte der Polizei, dass er zwar „einige Kenntnisse“ über Kryptowährungen habe, aber generell „technisch zurückgeblieben“ sei. Er fragte sich, ob ihm die Entführer absichtlich eine fast unmögliche Aufgabe gegeben haben. Denn es ist nicht leicht, neun Millionen Euro in Monero zu wechseln. Dies war auch den Kidnappern klar. Sie kennen wohl die Märkte, und wissen, dass die Börsen nicht ausreichend Liquidität haben, um so viele Monero in einem Zug zu kaufen. Daher rieten sie Hagen in dem Schreiben, am Tag nicht mehr als eine Million Kronen in Monero zu wechseln.

Darüber hinaus haben die Kidnapper ein interessantes System erfunden, um mit Hagen zu kommunizieren. Die norwegische Presse nennt es einen „Bitcoin-Morsecode“, den sie in dem Erpressungsschreiben erklären. Sie nannten eine Bitcoin-Adresse, und Hagen sollte ihnen Nachrichten zukommen lassen, indem er bestimmte Beträge an diese überwies. Sie gaben ihm zwölf Beträge vor, die für verschiedene Botschaften stehen: „Ich bestätige, dass ich bezahlen werden“, „Ich tausche derzeit Geld gegen Monero“, „Ich werde die Monero in sieben Tagen senden“, „Ich brauche mehr Zeit“, „Ich habe die Monero versendet“ und so weiter.

Auf dieselbe Weise können die Entführer Nachrichten an Hagen schicken. Beträge, die sie an diese – oder an eine andere – Adresse senden, stehen für verschiedene Botschaften, wie „zu spät, sie ist tot“, „Schnell, oder sie stirbt“, „Die Polizei ist involviert, sie ist tot“, „Die Monero gingen an die falsche Adresse“ oder „Danke, Anne Elisabeth wird in den kommenden 24 Stunden freigelassen.“

Zähe Verhandlungen

Im Lauf des Novembers haben die beiden Seiten mehrere Botschaften durch diesen Bitcoin-Morsecode ausgetauscht. Allerdings war die Methode zu plump, um tatsächliche Verhandlungen zu führen. Offenbar hat das Wissen der Entführer über Bitcoin Grenzen, denn ansonsten hätten sie vielleicht auch OP_Return-Outputs vorgeschlagen, durch die man bis zu 140 Byte Freitext in eine Transaktion einfügen kann.

So hat die Polizei Hagen geraten, einen Beweis dafür zu verlangen, dass seine Frau noch lebt. Doch dafür gab es keinen Code, und eine andere Option, Kontakt aufzunehmen, war nicht gegeben. Was also tun?

Die Polizei schlug ein gewagtes Vorgehen vor: Am 24. Januar möchte der Polizist Sven Holden eine Pressekonferenz halten, in der er die Öffentlichkeit über die Entführung und die Fortschritte in den Ermittlungen informiert. Hagen und seine Familie stimmen zu, die Entführer reagieren prompt. Sie schreiben Holden wenige Tage später eine verschlüsselte E-Mail, in der sie sich an Hagen wenden. Linguisten vergleichen die E-Mail mit dem usprünglichen Erpresserschreiben und bestätigen, dass es sich um dieselben Personen handelt.

In der E-Mail zeigen sich die Entführer bereit, einen Beweis zu liefern, dass Anne-Elisabeth noch am Leben ist – wenn Hagen ein Viertel der Geldforderung begleicht, also 2,25 Millionen Euro bzw. 24 Millionen Kronen in Monero an sie bezahlt. Hagen kauft sich auf einer Börse kurz darauf Monero für 30 Millionen Kronen. Allerdings verstreicht die von den Entführern gestellte Frist, ohne dass es zu einer Zahlung kommt.

Im Lauf des Aprils schlägt die Polizei vor, dass Hagen eine Mail an die Entführer sendet und dann in einer Pressekonferenz erklärt, das Geld abzusenden. Hagen ist mit der Idee unzufrieden. Er wolle in Ruhe verhandeln, und nicht das Leben seiner Frau durch Pressekonferenzen gefährden. Daher wird die Idee nicht umgesetzt. Im Mai nimmt Hagen selbständig, ohne Absprache mit der Polizei, Kontakt zu den Entführern auf. Er bietet ihnen an, die Teilsumme zu bezahlen, wenn man ihm innerhalb einer bestimmten Frist einen Beweis liefert, dass seine Frau noch lebt. Diese Verhandlungen ziehen sich hin, bis im Juli wieder die Polizei eingeschaltet wird. Die Entführer drohen nun heftiger. Anne-Elisabeth sei krank, und sie könnten nicht die notwendige Gesundheitsfürsorge leisten. Sie bieten einen Lebensbeweis für 1,35 Millionen Euro in Monero an.

Hagen sagt zu, den kompletten Betrag zu bezahlen – wenn er nur einen Lebensbeweis erhält. Doch auch dies scheint zu versanden, so dass das Jahr vorbeigeht. Hagen hat wohl einen Teil des Geldes bezahlt, aber noch immer keinen Beweis dafür, dass seine Frau noch lebt. Im Februar 2020 versucht der Geschäftsmann weiter, mit den Entführern in Kontakt zu treten.

Inzwischen gilt das Verhältnis von Hagen zur Polizei als abgekühlt. Beide Seiten sind sich oft uneinig, wie sie weiter vorgehen sollen, und so wie Hagen selbständig handelt, hat auch die Polizei ohne sein Einverständnis durch den Bitcoin-Morsecode eine Nachricht an die Entführer gesendet.

Ein ungeheurer Verdacht

Die Ermittlungen der Polizei richten sich zu diesem Zeitpunkt bereits in eine andere Richtung: Gegen Tom Hagen selbst. Er gilt nun als Hauptverdächtiger. Der Vorwurf lautet nicht mehr Entführung, sondern Mord. Am 28. April 2020 verhaftet und verhört die Polizei Hagen. Hagen bestreitet die Anschuldigungen vehement und wurde mittlerweile wieder freigelassen.

Tom Hagen wird wegen eines schon beinah zu klassischen Motivs verdächtigt: In der Ehe lief es nicht mehr rund. Anne-Elisabeth habe sich bereits erkundigt, wie sie die Partnerschaft beenden kann, ohne allzu negative finanzielle Folgen zu riskieren. Denn zwischen den beiden gibt es einen etwas eigenwilligen Ehevertrag, der besagt, dass sie im Falle einer Scheidung so gut wie nichts bekommt. Anne-Elisabeth habe jedoch von einem Anwalt prüfen lassen, ob der Vertrag nicht gegen norwegisches Recht verstößt. In diesem Fall hätte sie bei einer Scheidung wohl die Hälfte des nun gemeinsamen Vermögens erhalten.

Ist dies Indiz genug, um Hagen des Mordes an seiner Frau zu verdächtigen? Eventuell kam die Polizei auf diese Spur, weil die Verhandlungen so schleppend verliefen. Vielleicht erschien es ihr, als zögere Hagen sie absichtlich hinaus und lege der Polizei Steine in den Weg. Allerdings scheint die Familie Hagen der Polizei die Schuld zu geben, Anne-Elisabeth durch die offensive Verhandlungsführung in Gefahr gebracht zu haben.

Die Kinder der Hagens bestreiten den Verdacht gegen ihren Vater. Sie meinen, die Ehe der beiden wäre gut gelaufen. Dies bestätigen auch andere Bekannte der Familie. Daneben findet die Polizei aber auch Zegen, die bestätigen, dass die Ehe kurz vor dem Ende gestanden habe.

Die Polizei versucht derzeit, die Durchsuchung von Hagens Häusern durchzustzen. Allerdings hängt das Verfahren noch. Das zuständige Gericht in Oslo meint auch, dass es gegen Hagen nicht genügend Beweise gäbe, um ihn in Haft zu halten.

Ist ein Krypto-Berater involviert?

Die nächste Wendung nimmt der Fall mit einer weiteren Verhaftung am 7. Mai. Die Polizei nimmt einen Mann in den Dreißigern fest. Sie verdächtigt ihn, Anne-Elisabeth ermordert zu haben oder eine Teilschuld an dem Mord zu tragen.

Der Mann habe sich in der Vergangenheit wiederholt mit Tom Hagen getroffen, auch in dessen Haus, vielleicht sogar exakt in jenem, in dem Frau Hagen entführt wurde. Dabei sei es um eine geschäftliche Zusammenarbeit bei der Wiederherstellung von Kryptowährungen gegangen. Nach mindestens zehn Treffen habe es aber keine weitere Zusammenarbeit gegeben; die Treffen endeten im Herbst 2018 – also kurz vor der Entführung von Frau Hagen.

Das ist schon verdächtig. Hat sich Hagen bei dem Mann darüber erkundet, wie er Kryptowährungen für eine Entführung benutzt? Oder hat er selbst die Gunst der Stunde genutzt, um Hagens Frau zu entführen, nachdem er sich als Berater Zugang zu seinem Anwesen erschlichen hat? Die profunde Kenntnis, die die Entführer über Kryptowährungen und die Märkte haben, könnte für so etwas sprechen. Aber es bleibt, wie der Verdacht gegen Hagen, wohl reine Spekulation.

Daher wird dieser Krimi die norwegische Polizei und Öffentlichkeit noch eine Weile beschäftigen. Anne-Elisabeth Hagen dürfte aber vermutlich bereits tot sein.

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