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July 17, 2019
Dienstleistungen Nachrichten

Kaffee und Kakao auf der Blockchain

Eines der großen Versprechen der Blockchain-Technologie ist es, die Lieferkette von Rohstoffen zu verbessern. Wir schauen uns zwei Projekte zu unseren liebsten Getränken an. Eines versucht dank Ethereum, indische Kaffeebauern stärker am Erlös zu beteiligen, das andere möchte mit Hyperledger die Kinderarbeit in der Kakaoproduktion an der Elfenbeinküste beseitigen.

Indischer Kaffee

Was würde die Welt ohne Kaffee machen? Manche Historiker gehen soweit, die ganze europäische Aufklärung ab dem 17. Jahrhundert einzig und allein dem Fakt zuzuschreiben, dass die Bürger Europas mit dem in dieser Zeit eingeführten Kaffee endlich ein Genuss-Getränkt hatten, das nicht, wie Bier oder Wein, vorübergehend dumm macht, sondern die Konzentration befördert. Viele Leute sind auch der Meinung, dass das Internet wie auch die meisten großen Erfindungen des 20. und 21. Jahrhunderts niemals ohne dieses herrliche Getränk entstanden wären.

Die meisten kennen Kaffee aus Costa Rica, Brasilien oder Äthiopien. Weniger bekannt dagegen ist Kaffee aus Indien. Dabei ist der Subkontinent einer der Top-10-Kaffeeproduzenten. Der Kaffee gilt als magenschonend, aber dennoch würzig und aromatisch; eine besondere Spezialität ist der Monsooned Malabar, der eigentlich eher als Unglücksfall entstand, weil die Kaffeefrachter nach Europa so lange unterwegs waren und sich unter der hohen Luftfeuchtigkeit des Monsuns veränderten. Doch weil der muffig-milde Geschmack gut ankam, wird der Kaffee noch heute vier Monate lang unter hoher Luftfeuchtigkeit gelagert.

Indischer Kaffee ist relativ teuer. Wer es gewohnt ist, seine liebsten Bohnen als Kilopäckchen für sieben bis zehn Euro zu kaufen, wird kaum in den Genuss des indischen Kaffees kommen, der auf Amazon ab 20 Euro je Kilo zu haben ist. Von diesen Erlösen scheint aber nicht viel bei den etwa 250.000 meist kleinen indischen Kaffeebauern anzukommen. Die meisten haben einen schlechten Zugang zum Markt, der von starken Mittelsmännern beherrscht wird. Ein Pilotprojekt des Rates für Kaffee am indischen Industrie- und Handelsministerium möchte dies nun ändern.

Der kürzlich gestartete „Blockchain-basierte E-Marktplatz für Kaffee“ soll helfen, „die Bauern auf transparente Weise mit den Märkten zu integrieren und faire Preise für die Produzenten zu realisieren,“ so die Pressemitteilung. Dank der Blockchain soll die Anzahl der Mittelsmänner zwischen Bauern und Käufern verringert werden, was das Einkommen der Landwirte verdoppeln soll. Durch den direkten Zugang zum Markt können die Landwirte selbst vertrauensvolle, langfristige Beziehungen zu Exporteuren und Röstern aufbauen und pflegen. Die Blockchain soll die gesamte Lieferkette von der Bohne bis zur Tasse nachverfolgen, was die Markenbildung indischen Kaffees stärken werde. Neben Indien beteiligt sich wohl auch Kenia an dem Projekt.

Wie so oft bei „Blockchain“-Projekten erfährt man nicht, welche Blockchain denn nun zum Einsatz kommt. Eine Recherche beim Partner des Rates für Kaffee, Ekaplus, hilft weiter. Die Firma aus Connecticut (USA) entwickelt Softwarelösungen für die Supply Chains in der Landwirtschaft sowie mineralischen und Energie-Rohstoffen. Blockchain taucht in ihrer Produktbeschreibung gar nicht auf. Lediglich auf dem Blog findet man den Hinweis auf ein Pilot-Blockchain-Projekt – eben das mit dem indischen Kaffee-Rat:

„Wir haben begonnen, Rückverfolgbarkeits-Instrumente durch die Blockchain zu entwickeln, um die Transparenz, Verantwortlichkeit und Effizienz in der Lieferkette von Kaffee zu verbessern. Während die Blockchain die Technologie unserer Wahl ist, wollten wir uns weiterhin auf die Probleme der Anwendung und Einfachkeit fokusieren.“ Das Ziel von Ekaplus war es, ein User-Interface zu bilden, das den ungebildeten indischen Kaffeebauern nicht überfordert. Im ersten Schritt registrieren sich die Farmer und Händler auf dem Portal. Die Farmer laden dort Preislisten für ihren Kaffee hoch; die Händler können diese sehen. Nachdem der Handel auf der Plattform vereinbart wird, wird er über einen Smart Contract auf der Blockchain ausgeführt.

Aber, verdammt, welche Blockchain denn nun? In einem Nebensatz erklärt Ekaplus, dass man die Ethereum-Blockchain verwendet. Der unveränderbare Vertrag beinhaltet die Informationen über die Handelsparteien, die Qualität, Quantität und Bewertung. Die Smart Contracts sind bereits darauf vorbereitet, in der nächsten Phase auch digitale Zertifikate zu übernehmen und einen Zahlungs-Gateway einzurichten. Damit werden die indischen Bauern zwar nicht die ersten sein, deren Kaffeebohnen als Token auf der Blockchain sind – aber die ersten, die eine Blockchain-basierte Handelsplattform benutzen können.

Kakao von der Elfenbeinküste

Ein Ko-Projekt des niederländischen Schokoladenhändlers Tony’s Chocolonely und des Supply-Chain-Anbieters ChainPoint hat etwas ähnliches mit Kakao versucht. So wie Kaffee ist Kakao ein wundervolles Genussgetränk, das zwar nicht ganz so gut für die Konzentration ist, dafür aber mächtig glücklich macht. Eines der großen Probleme am globalen Kaffeehandel ist, dass die Bohnen oft unter unmenschlichen Bedingungen angebaut werden.

Der niederländische Journalist Teun van der Keuken hat Tony’s Chocolonely 2005 gegründet, nachdem er sich als Journalist mit der Kinderarbeit in der Kakaobranche beschäftigt und dabei festgestellt hat, dass diese dort endemisch ist. Sein Ziel mit Tony’s Chocolonely war und ist es, die Kinderarbeit zu bekämpfen. Eines der Kernprobleme, mit denen er dabei kämpft, ist die Lieferkette. „Obwohl eine Tafel Schokolade fast nur aus zwei Materialien besteht – Kakaobohnen und Zucker – sind die Liefer- und Verarbeitungsschritte kompliziert nachzuverfolgen,“ erklärt van der Keuken im Interview mit der Forbes. In kaum einer Branche werden die Produzenten so sehr benachteiligt und von der Preisfindung ausgeschlossen.

Bereits 2015 hat van der Keuken mit Beantracker ein Tool entwickelt, das den Weg der Kakaobohnen von Afrika nach Europa verfolgt und gemeinsam mit dem IT-Partner ChainPoint ausgebaut. Ende 2017 stieß die Beratungsgesellschaft Accenture dazu, um mit den beiden Firmen zusammen eine Blockchain-Version von Beantracker zu testen. „Wir haben die Elfenbeinküste als Pilotzone ausgewählt und arbeiten mit einer Genossenschaft und einem lokalen Händler zusammen.“ Diese mussten sechs Wochen lang parallel die bestehende Beantracker-Software sowie die Blockchain verwenden. Auf der Blockchain werden drei Ströme von Waren verfolgt: Die Genossenschafts-Manager sammeln die Bohnen und geben sie als Daten ein; die lokalen Händler kaufen die Bohnen und transportieren sie zum Hafen; die internationalen Händler kaufen die Bohnen und exportieren sie nach Europa.

In dem sechswöchtigen Piloten, der Mitte Februar zu Ende ging, wurden 900 Kilogramm Kaffee-Bohnen registriert, 35 Transporte an der Elfenbeinküste sowie 12 Transporte nach Europa in 400 Transaktionen aufgezeichnet. Die Technologie, meint van der Keuken, steckt immer noch in den Kinderschuhen. Er erwartet, dass sie in fünf bis zehn Jahren bereit für den Masseneinsatz sein wird. Zwar löst eine Blockchain nicht das Kernproblem der Kakao-Lieferkette – dass die Daten, die eingegeben werden, auch wahr sein müssen – aber sie kann „extrem effizient sein, wenn man eine Umgebung von Transaktionen mit wenig Vertrauen und vielen anonymen Akteuren hat.“ Das entwickelte Produkt habe das Potenzial, „zum industrieweiten Standard zu werden, den viele andere ebenfalls übernehmen, um Verantwortung für die Lieferkette von Kakao zu übernehmen.“

Die alte Frage, welche Blockchain benutzt wird, beantwortet auch van der Keuken nicht. Auf der Webseite von ChainPoint wird zwar hier und dort von Blockchain geschrieben, aber auch hier fehlt die Info, was für eine Blockchain. Ein zum Download stehendes Dokument, das ChainPoints Blockchain-Lösung skizziert, bringt schließlich die Antwort: Es ist Hyperledger, eine private Blockchain, die von einer Industriekooperation, der Linux Foudation und IBM entwickelt wird. Hyperledger wird unter anderem von einem Münchner Verlag verwendet, um die Lieferkette von Druckprodukten zu verbessern. Damit wäre also auch das geklärt.

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