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IOTA: Drama um 20 Millionen Dollar, die eigentlich niemandem gehören sollten.

Während die IOTA-Foundation das Alphanet von Coordicide startet, eskalieren die Spannungen zwischen den IOTA-Gründern David Sonstebo und Sergej Ivancheglo. Die Affäre bringt nicht nur ein fragwürdiges Verhalten der Entwickler zutage – sondern auch eine Handlung, die nahe an der Grenze zum Betrug ist. Wenn sie diese nicht bereits überschritten hat.

IOTA sorgt mal wieder für ein Drama. Vielleicht das bisher größte Drama in der recht kurzen Geschichte dieser Kryptowährung. Es wäre unmöglich, all die Hintergründe zu berichten, die hinter dem aktuellen Zank stehen. Stattdessen dient uns ein am 3. Februar von David Sonstebo veröffentlichter „offener Brief an die IOTA-Community“ als Einstieg. Der Norweger ist einer der Gründer von IOTA.

Der Brief erschien unglücklicherweise am selben Tag, an dem die IOTA-Foundation einen der bisher wichtigsten Schritte der Kryptowährung bekanntgab: Den Start des Alphanets von Coordicide. Wir haben die merkwürdige Lage, dass auf der einen Seite die Entwickler bei IOTA ihr Projekt energisch vorantreiben und auch Erfolge vorzuweisen haben – während gleichzeitig die beiden wichtigsten Gründer von IOTA, David Sonstebo und der Weissrusse Sergej Ivancheglo, öffentlich einen Streit austragen, der nun in die Hände von Anwälten gegangen ist.

So wie der Start des Alphanets am 3. Februar den vorläufigen Höhepunkt der Entwicklerarbeit markiert, markiert der offene Brief von David die Eskalation eines Zanks, der schon die Wochen und Monate zuvor zwischen ihm und Sergej getobt hat. Der Streit ist schwierig zu verstehen, ein Post von Blockchain Ghost erklärt weitere Hintergründe, ohne dabei vollständig Klarheit zu schaffen.

Weil David in dem offenen Brief weit in die (Vor-)Geschichte von IOTA zurückschaut, werden wir auch ein wenig ausholen müssen. Aber es lohnt sich!

Wie IOTA aus der Vision ternärer Computer entstand

Alles begann Ende 2013. Sergej Ivancheglo hat unter dem Pseudonym BCNext den NXT-Coin veröffentlicht. Das war die erste, so David, „volle Proof-of-Stake Blockchain“, die zudem einige für diese Zeit aufsehenserregende Features hatte: Es gab eine Blockchain-Börse für Assets, Aliase für User und ein Wahlsystem. Auch wenn NXT für eine kurze Zeit gehypt wurde und sich des Lobes vieler Experten erfreute, konnte sich der Coin nie so richtig durchsetzen.

Sergej erklärte schon früh, dass NXT lediglich ein Experiment für ihn gewesen sei, ein Schritt hin zu einem weiteren Ziel. Damit zeigte der Entwickler bereits einen für ihn typischen Charakterzug: Die mangelnde Treue zu seiner eigenen Schöpfung. Er schafft, oft auf geniale Weise, verliert dann aber das Interesse und wendet sich einem anderen Projekt zu.

Zu dieser Zeit entwickelte sich zwischen Sergej Ivancheglo und David Sonstebo eine tiefe Beziehung, die zwar von sehr vielen Meinungsverschiedenheiten begleitet wurde, aber doch eine gesunde Tendenz entwickelte, gemeinsame Visionen zu knüpfen und zu verwirklichen. Während Sergej große Vision ein Multiplayer-Rollenspiel in einer virtuellen Realität war, träumte David von einem Internet-der-Dinge mit Milliarden von Sensoren und Mini-Computern. Der gemeinsame Kern der beiden Visionen war, dass sie nicht nur eine neue Software erforderten, sondern auch eine bessere IT. Dies wurde die Geburt von Jinn Labs.

Jinn sollte mit dem Paradigma der von-Neumann-Architektur im Computerwesen brechen und eine ternäre Datenverarbeitung etablieren. Ternäre Computer kennen nicht nur 0 und 1, sondern auch noch -1. Mit ihnen wurde vor allem in Russland experimentiert, wobei sich zeigte, dass sie das Potential haben, mit weniger Stromverbrauch mehr Leistung zu erbringen. Als sich die binären Computer in der Massenfertigung durchsetzte, wurden ternäre Systeme allerdings eher zu einer kuriosen Fußnote der IT-Geschichte.

Die gemeinsame Vision von David und Sergej war es also, die Idee ternärer Computer wiederzubeleben. Sie gründeten dafür 2014 das Startup Jinn Labs und begannen, die Chips zu entwickeln. Um Jinn zu finanzieren, verkauften sie über die NXT-Plattform Jinn-Token. Die Einnahmen dadurch waren aber eher marginal und brachten den beiden Probleme ein, etwa als  Banken ihre Konten wegen der Verbindung zu Kryptowährungen einfroren. Folgt man dem Absatz von Davids offenem Brief, war es eher ein frustrierender Start. Glücklicherweise enthielt ihre gemeinsame Vision aber noch einen zweiten Teil – ein sicheres, globales und dezentrales Computernetzwerk. Also eine Blockchain oder eine „Distributed Ledger“.

Da Sergej Popov zu dieser Zeit ein Paper über Proof-of-Stake geschrieben und mit Directed Acyclic Graphs (DAG) experimentierte, stellten Sonstobo und Ivancheglo ihn bei Jinn Labs ein. Das Projekt, an dem Popov arbeitete, wurde schließlich IOTA. Da David schon zuvor oft mit Dominik Schiener zusammengearbeitet hatte, holte er diesen ebenfalls an Board. Damit stand die Gründungsmannschaft von IOTA. Die Kryptowährung war für die beiden Gründer eher ein Nebenschauplatz einer viel weiteren Vision.

Es folgte die ICO Ende 2015, die ungefähr 500.000 Dollar einbrachte, der Aufbau des Tangle-Netzwerks, viele große und kleine Dramen sowie der bis heute anwährende Versuch, den Koordinator abzuschalten und damit endlich dezentral zu werden. Aber darum geht es hier nicht – sondern um das Zerwürfnis der beiden IOTA-Gründer.

Wie Sergej Ivancheglo sich zum Außenseiter machte

Sowohl David Sonstobo als auch Sergej Ivancheglo gelten als brillante, aber nicht eben einfache Personen. Da ich weder den einen noch den anderen kenne, kann ich hier nur wiederholen, was ich von anderen höre und was die Accounts der beiden in sozialen Medien zeigen.

David ist bekannt für sein sehr rüdes, oft auch selbstgefälliges Auftreten; manche sagen, er agiere wie ein General, der seine Troll-Truppen in den sozialen Medien einsetzt. Wenn die IOTA-Szene dafür bekannt ist, giftig und aggressiv zu sein, rührt dies vermutlich von David her, der die Community aufstachelt und ein schlechtes Vorbild abgibt.

Sergej dagegen wird ein Narzismus nachgesagt, der auch mal ins Pathologisch-Paranoide abgleitet. In der IOTA-Szene gilt oder galt er als das Mastermind, jemand, der geniale Ideen ausarbeitet und Paper formuliert, in denen eine mathematische Wahrheit steckt, die nur von wenigen begriffen werden kann. Dabei aber überschätzt er seine eigene Brillanz und ist oft wankelmütig. Er stürzt sich in ein Projekt, um es dann, wenn es seinen unruhigen Geist nicht mehr beschäftigt, fallen zu lassen.

David und die anderen Mitgründer, Dominik Schiener und Sergej Popov, integrierten sich in die Anfang 2017 in Berlin gegründete IOTA-Foundation, die mittlerweile mehr als 110 Mitarbeiter beschäftigt und der es gelingt, zahlreiche Industriepartner zu gewinnen. Sergej Ivancheglo wurde dagegen immer weiter an den Rand gedrängt.

Es scheint so, als hätte die Foundation und mit ihr David eine mehr und mehr pragmatische Haltung zur Frage nach ternären oder binären Systemen eingenommen. IOTA sollte ursprünglich ternär sein – und was das auch – aber die Foundation entschied, die ternäre Logik optional zu machen, weil dies die Verständlichkeit des Codes und die Kompatibilität zu anderen Programmen deutlich verbesserte. Der anerkannte Entwickler Hans Moog, der für die IOTA-Foundation arbeitet, erklärt, dass ternäre Systeme durchaus eine Zukunft haben und die Foundation weiterhin an diesen forschen wird. „Aber ich tendiere dazu, dass es nicht die beste Idee ist, ein ternäres System für eine binäre Welt zu bauen. Wenn wir zum globalen Standard werden wollen, sollten wir zumindest kompatibel mit existierenden Standards sein.“

Für Sergej schien dies ein No-Go zu sein, das von dem eigentlichen Plan nur ablenkte. Daher fokusierte er sich mehr und mehr auf das Jinn-Projekt, ohne dabei ernstzunehmende Ergebnissen zu zeitigen. Während David und die IOTA-Foundation den schwierigen Weg zu Coordicide entschieden beschritten, verursachte der Weissrusse vor allem Dramen. Vermutlich steht seiner konzeptionellen Brillanz eine Schwäche in der Umsetzung gegenüber.

Zugleich gab es eine lange, wilde Diskussion darüber, ob er in den Aufsichtsrat der IOTA-Foundation aufgenommen wird. David erklärt, er habe für Sergej gekämpft und es durchgesetzt, dass dieser ein Entwickler-Team leiten durfte, das an der Abschaltung des Koordinators arbeitete. Allerding hat Sergej hierfür laut David nichts geliefert, während andere Entwickler – vor allem Sergej Popov – überzeugende Konzepte vorgelegt hatten, und die IOTA-Foundation mit frischem Personal wie Ralf Rottmann und anderen kompetente, engagierte Computerwissenschaftler ins Team holte, die Geschäftspartner anwarben und pragmatisch nach Lösungen suchten.

Sergej Ivancheglo wurde dabei immer mehr zum Störfaktor. Er bestand darauf, mitzubestimmen, lehnte aber die Vorschläge der anderen rundheraus ab, ohne sie genau durchzulesen. Laut der Darstellung von David Sonstebo wurde es unmöglich, mit ihm konstruktive Diskussionen zu führen.

Die Spaltung

Diese Differenzen führten dazu, dass Sergej sein Amt in der Foundation niederlegte. Gleichzeitig begann er mehr und mehr die Community zu spalten. Während sich David auf IOTA fokussierte, gründete Sergej eine neue Firma, Paracosm, die sein altes Ziel, Virtuelle Realitäten und Online-Rollenspiele zusammenzubringen, auf Basis des Tangle verwirklichen soll.

Nachdem Sergej aus dem Discord-Chat von IOTA, wo die meisten Diskussionen stattfinden, rausgeworfen wurde, gründete er den Paracosm-Discord und versuchte, Teile der IOTA-Community dorthin zu ziehen. In diesem Slack stänkerte er immer wieder gegen die IOTA-Foundation, was, so David, bis hin zur offenen Kriegeserklärung ging. „Er erklärte immer wieder, dass, wenn wir nicht seine magische Lösung (die er niemals genau beschrieb oder veröffentlichte) akzeptieren würden, er IOTA forken, die IOTA-Foundation verklagen und darauf bestehen würde, dass seine Fork der echte IOTA sei.“

Wir sehen hier das, was bei Bitcoin geschah, sich im Kleinen wiederholen. Gute Entwickler sind oft keine einfachen Personen. Bei ihnen kommen zuweilen Narzismus und ein kindisches Verhalten zusammen, während die Communities von Kryptowährungen rasch toxisch und tribalistisch werden, und die Entwickler bei Uneinigkeiten darum ringen, wer den echten Coin repräsentiert. Die öffentlichen Streitigkeiten von David und Sergej eskalierten, sie warfen sich gegenseitig alles mögliche vor, unter anderem, wer wie viele IOTA zu welchem Zeitpunkt verkauft hatte.

Schließlich „geschah das Unvermeidliche: Da er weder seinen Geschäftspartnern noch seinen IOTA-Mitgründern zuhörte, mussten wir getrennte Wege gehen.“ David gab Sergej das gesamte geistige Eigentum an Jinn und teilte die IOTA-Token im Besitz von Jinn Labs auf. Dabei erhielt Sergej „die Token auf seiner Fork“ – die es vermutlich noch gar nicht gibt – „während ich meine auf dem Netzwerk behalte, das er abgelehnt und beraubt hat und gegen das er in den Krieg gezogen ist.“ David hat also alle IOTA-Token an sich gerissen, mit der Begründung, dass Sergej an diesen sowieso kein Interesse mehr habe. Dieser Streit scheint nach dem offenen Brief von David nicht länger öffentlich geführt zu werden, sondern wird von den Anwälten der beiden ausgetragen.

Aber das echte Drama begann erst danach.

Woher kommen knapp 20 Millionen Dollar?

Um welche Beträge handelt es sich bei dem Streit? Eigentlich haben die IOTA-Gründer durch die ICO lediglich 500.000 Dollar eingenommen und alle Token des Netzwerks verkauft. Die Summe der Token, die David behielt, war aber mehr als 15 Millionen Dollar wert.

Woher kam dieses Geld? Die Antwort darauf wurde im Zuge dieses Zanks an die Öffentlichkeit gebracht, und sie ist skandalöser als alles andere in diesem Drama.

David hatte sich nach der ICO 65 Tera-IOTA – also 65 Billionen IOTA, derzeit etwa 19,5 Millionen Dollar – angeeignet. Diese 65 Tera-IOTA waren an Investoren verkauft worden, aber diese hatten es versäumt, sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu „claimen“, was man mit abholen übersetzen könnte. Vermutlich hätten sie dafür Schlüssel auf einer Webseite oder in einer Wallet einspielen müssen.

David Sonstobo hat diese IOTA also an sich selbst überschrieben und sie dann in die Firma IOTA AS investiert. Diese gehört praktischerweise ihm selbst zu 100 Prozent. Welches Anrecht Sergej an diesem Geld hat, ist mir dabei nicht ganz klar; eventuell war IOTA AS irgendwie an Jinn Labs beteiligt. David scheint aber über die Tera-IOTA verfügen zu können, da er entschieden hat, dass er sie bekommt, während Sergej die Token auf seiner eigenen Fork erhalten soll.

Die Community war darüber nicht wirklich informiert worden. Stattdessen hatten die IOTA-Gründer wieder und wieder betont, wie wenig sie durch die ICO eingenommen hatten, und dass IOTA in einem Meer an betrügerischen ICOs eines der einzigen ehrlichen Projekte sei. Von den Klagen, die nun aufkommen, will David nichts wissen. Die 65 Tera-IOTA seien damals nur ein paar Tausend Dollar wert gewesen, es lohne sich also nicht, darüber zu reden. Dominik Schiener unterstützt ihn. Es sei von Anfang an klar gewesen und kommuniziert worden, dass Token, die nicht geclaimt werden, an die Gründer zurückgehen; jeder, der damals involviert gewesen sei, habe das gewusst. Es gäbe keinen Grund, sich jetzt darüber zu beschweren.

Andere in der Community sehen das verständlicherweise nicht so und meinen, es sei ein Betrug gewesen. IOTAshire Hathaway drückt den Unmut gelungen aus: „Wie kann jemand ernsthaft behaupten, dass 65 Tera-IOTA, die jemand gekauft und bezahlt hat, nun das persönliche Eigentum von David oder Sergej sind? Das ist ein so verdammt offensichtlicher Betrug, dass es ein Schlag ins Gesicht für jeden in der IOTA-Community ist. IOTA preist sich immer selbst als Graswurzelbewegung an, in der DIE COMMUNITY entschieden hat, die IOTA Foundation zu finanzieren, und bei der 100 Prozent der Token in einer freie ICO verkauft wurden, ohne ein Pre-Mining, ohne eine Verteilung der Token an die Gründer. Nun, einige Jahre nach Genesis, erfahren wir also, dass die beiden Gründer einen riesigen Haufen an Geld an sich gerissen haben und es so fest halten, dass ihre Freundschaft daran zerbricht.“

Für das Empfinden der meisten dürfte es ein Betrug sein; rechtlich gesehen dürfte es keiner sein, wenn die Regel vor der ICO klar war. Unter den vielen Dramen, die IOTA bisher geliefert hat, wird dieses aber wohl das einschneidendste sein – während gleichzeitig die Arbeit der IOTA-Foundation an Coordicide weiterhin Fahrt aufnimmt.

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