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HEX ist die neueste Abzocke der Krypto-Welt – und Bitcoin.com listet es prompt auf seiner Börse

Alle Beobachter sind sich einig, dass Richard Hearts HEX nichts als eine Abzocke ist. Roger Vers Bitcoin.com beeilt sich dennoch, das zweifelhafte Token auf die Börse zu bringen – aus Motiven, die ziemlich fragwürdig sind.

Wer seit einigen Jahren im Kryptoraum unterwegs ist, wird sicherlich schon mal von Richard Heart gehört haben. Das ist ein etwas pummeliger, aber sehr selbstbewusster Amerikaner, der sich selbst “Milliardär” nennt und eine Youtube-Show schmeisst, in der er, gewandet nach Art eines Vampir, stundenlange Monologe in die Kamera abgießt. Heart ist eigentlich ein recht ödes Phänomen, vermutlich ein typisches Beispiel für jemanden, dem der Bitcoin-Reichtum zu Kopf gestiegen ist, und der während der Blocksize-Kriege für einen Moment berühmt wurde, weil er sich als BTC-Maximalist den Big Blockern entgegengestellt hat.

Das ist ein paar Jahre her, und mittlerweile hat Heart so ziemlich alles, was er jemals gepredigt hat, wieder vergessen. Früher hat er gegen alle Arten von Betrügereien gewettert und Ethereum zum Shitcoin erklärt. Heute gibt er ein Token auf Ethereum heraus, das extrem so aussieht, als wäre es, nun ja, eine Betrügerei. Willkommen zu HEX, dem schrägsten Phänomen des Jahres, das noch gerade so vor der Weihnachtspause hereinrutscht.

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Die Hex-Webseite (hex.win) veranschaulicht, wie das Token gestrickt ist. Es gibt keine zu großen Versprechungen. Klingt etwas zu gut, um glaubwürdig zu sein, legt Richard Heart noch eine Nummer drauf. HEX sei so entworfen, “dass sein Wert schneller ansteigt als von irgendetwas anderem in der Geschichte.” Bitcoin habe seinen Wert um das 26fache in 378 Tagen gesteigert, Ethereum um das 233fache in 403 Tagen. “Der größte Reichtum der Welt fällt denen zu, die zuerst einsteigen”, erklärt die Seite, und verspricht “lebensverändernde Gewinne”. Denn “jedes Feature in HEX ist so gestaltet, dass es den Preis und die Verbreitung erhöht.” Wer mehr erfahren will, klickt nicht auf “mehr erfahren”, sondern auf ein Feld mit der Frage “Wie kann dich HEX reich machen?”. Zur Debatte steht eine 10.000fache Wertsteigerung in nur 2,5 Jahren. Wer möchte da nicht dabei sein?

Das ganze ist so überzogen, dass man es für eine Parodie halten würde. Das ist es aber nicht. HEX ist ein ERC20-Token auf Ethereum, vom dem jeden Tag eine bestimmte Menge zum Verkauf angeboten wird. Das genaue System ist komplex. Es gibt ein Staking, so dass diejenigen, die früh viele HEX haben, noch mehr davon bekommen, es gibt wohl auch ein Referal-System, so dass der, der anderen Leuten HEX empfiehlt, mehr erhält, und jeder, der Bitcoins nachweislich hält, bekommt einige HEX je Bitcoin. Welchen Nutzen das ganze Ding hat, außer, dass es Investoren irgendwie reich machen soll, ist nicht zu erfahren.

Wer genauer hinschaut, wie ein Kritiker von HEX, wird interessantes erfahren: Der Token sei nur für einen einzelnen Zweck entworfen – “um Richard Heart selbst reich zu machen, auf Kosten von jedem anderen Teilnehmer. Sogar in der Flut an ethisch dubiosen Projekten sticht HEX als das ungeheuerlichste, aber vielleicht auch cleverste heraus.” Heart werde nach Ablauf des ersten Jahres die Hälfte aller HEX-Token besitzen, und das System hat einen Mechanismus im Protokoll, der den Gründer reicher macht. Denn es gibt – sehr gut in der Doku versteckt – eine “Original Address”, die gemäß des Protokolls die Hälfte der allermeisten Einnahmen im System erhält. Diese Adresse gehört, natürlich, Richard Heart.

Damit ist HEX kein Ponzi- oder Pyramidenspiel, sondern etwas vollständig neues. Es dürfte nicht verboten sein, dass sich ein Gründer eines Projektes die Hälfte der Erträge auszahlt, auch wenn dies dazu führt, dass er über kurz oder lang den Großteil der Token besitzt und das ganze Ökosystem von HEX – falls es so etwas jemals geben wird – kontrollieren kann. Was aber wohl rechtlich fragwürdig ist, ist die Weise, wie Heart für das Token wirbt. Dabei hat er auch keine Berühungsängste vor dem üblichen Netzwerk-Marketing-Klüngel und brüstet sich, dass er schon die ersten Partner aus dem Umfeld des legendären Pyramidenspiels Bitconnect angeworben hat.

Für Heart ist es nichts neues, in dubiose Geschäfte einzusteigen. Er hatte schon vor seiner Bitcoin-Karriere eine Klage wegen illegalem Email-Spam verloren und stand in Panama in Kontakt mit kriminellen Zirkeln.

Die erste Börse, die HEX listet …

Man könnte all das mit einem Schulterzucken abschütteln. Die Krypto-Welt ist voll von mehr oder weniger plumpen und mehr oder weniger cleveren Betrügereien. HEX wäre nur ein weiteres, besonders plakatives Beispiel dafür, dem man besser gar nicht den Gefallen tut, es zu erwähnen. Und wenn, dann wäre die Erwähnung mit dem Hinweis abgeschlossen, es bitte nicht zu kaufen.

Es gab in den letzten Jahren wieder und wieder und wieder Projekte, die ähnliche Versprechungen gemacht haben – meist mit fast exakt derselben Story -, und das Ergebnis war, wieder und wieder und wieder, dasselbe – nämlich große Verluste bei Investoren. Wir könnten HEX also abhaken – wäre da nicht Bitcoin.com und dessen neuer CEO Stefan Rust, die zur Überraschung aller – und zur Verdatterung der Bitcoin-Cash-Szene – spontan beschlossen haben, HEX zum Handel anzubieten.

Damit beginnt die Geschichte erst richtig, schräg zu werden. Ökonomische Akteure – etwa Börsen oder auch CEOs – handeln eben doch nicht so rational, wie ihnen in der Wirtschaftstheorie gerne nachgesagt wird. Stattdessen fließen oft auch alberne und geradezu kindische Emotionen in wirtschaftliche Entscheidungen ein. Dies könnte hier so gewesen sein.

HEX auf den Handel zu bringen ist, um es unverblümt auszudrücken, strunzdoof. Es handelt sich um ein Token, von dem der Großteil der Szene – der absolute Großteil – überzeugt ist, dass es eine Abzocke ist. Selbst wenn es formal legal ist, ist HEX ein unglaublich unfaires, zentralisiertes System, das sich nicht einmal die Mühe macht, ein auf irgendeiner realen Nützlichkeit beruhendes Wertversprechen abzugeben. Es gibt nichts Innovatives an HEX, nichts technisch Interessantes. Der Markt hat tausende von Kryptowährungen, die mehr mitbringen als HEX, und auf Bitcoin.com werden vielleicht zwei bis drei Dutzend gelistet.

Da Bitcoin.com das ökonomische Zentrum von Bitcoin Cash (BCH) ist, strahlt die Entscheidung des CEOs natürlich auch auf Bitcoin Cash ab. Auch wenn Bitcoin.com formal ein unabhängiges Unternehmen ist, führt die starke Fokusierung auf Bitcoin Cash sowie die Investitionen in die Bitcoin-Cash-Infrastruktur dazu, dass auch Bitcoin Cash mit Betrug assoziiert wird, wenn Bitcoin.com ein so zweifelhaftes Token wie HEX listet – anstatt, wie man es von einer zentralen Infoseite eher erwarten würde, davor zu warnen.

In den von Bitcoin.com herausgegebenen Krypto-News findet man zwar eine Erwähnung, dass HEX auf Bitcoin.com gelistet wird. Der Artikel tut Richard Heart allerdings den Gefallen, zwar nicht die absurdesten Marketing-Schreier zu übernehmen, aber dennoch seine allgemeine Story zu HEX zu wiederholen, ohne überhaupt nur darauf hinzuweisen, dass der eine oder andere findet, HEX sei eine Abzocke. Von dem, was man von der Seite erwarten würde – kritischen Journalismus – ist dies genauso weit weg wie die Listung bei Bitcoin.com von einer Qualitätsprüfung. Das ganze riecht, um es so zu sagen, so streng nach Korruption wie isländische Geysire nach Schwefel.

Warum macht Bitcoin.com das?

Die ganz kindische Erklärung, weshalb Bitcoin.com es so eilig hat, HEX zu listen, wäre, dass sie es “einfach nur aus Boshaftigkeit” tun. Ein Screenshot von einem Telegram-Chat mit Bitcoin.com-CEO Stefan Rust belegt dies: Rust wird von der Bitcoin-Cash-Szene gefragt, warum sie auf die idiotische Ideen gekommen seien, HEX zu listen. Rust antwortet: “Warum? Hast du das Interview mit McCormack gesehen? Einfach nur aus Boshaftigkeit! Wir werden HEX listen. Schau’ dir das Youtube-Video Richard Heart Peter McCormack an. Jeder, der einen Maximalisten hat, der behauptet, ein Journalist zu sein und dann so agiert … gegen einen OG …”

Richard Heart hat den Podcaster Peter McCormack – der schon durch seine Fehde mit Craig Wright bekannt wurde – zu seiner Videoshow eingeladen. Dort hat Peter wohl keine Gelegenheit ausgelassen, Richard zu beleidigen, anstatt mit ihm zu argumentieren. Und weil Peter McCormack auch immer wieder gegen Bitcoin Cash hetzt, und Bitcoin Cash der Lieblingscoin von Bitcoin.com ist, wird der Feind deines Feindes zum Freund, und HEX schafft seinen Weg zu Bitcoin.com. Und sei es nur, um Peter McCormack eins auszuwischen.

Ein (winziges) Stückchen weniger kindisch ist eine andere Variante. Erst vor kurzem erklärte Richard Heart in einem Interview nämlich etwas, das für Roger Ver und die Bitcoin Cash Szene eine echtes Ambrosium für die Ohren gewesen sein musste: “Vor zwei Jahren habt ihr SegWit bekommen, wofür wir gelogen und betrogen und gestohlen haben, und ich habe auch gelogen und betrogen und gestohlen, um SegWit zu bekommen, um Lightning zu bekommen, das, nur nebenbei gesagt, kritische Schwächen hatte, wegen denen Leute Geld verloren haben.” Das hört Roger Ver natürlich gerne. Ein ehemaliger BTC Maximalist, der nun “leakt”, welche fiesen Tricks damals angewandt wurden, um SegWit durchzuboxen und die Blocksize-Vergrößerung abzuwenden.

Vor kurzem kam dann Roger Ver auch wieder in ein Video mit Richard Heart. Das Video ist 2,5 Stunden lang, und ich habe es mir nicht angetan. Aber soweit ich es stückchenweise mitbekommen habe, hat Richard Heart ein Argument gebracht, das für Roger Ver sehr verführerisch ist: Bitcoin (BTC) selbst sei auch nicht nützlich, und es ginge allen nur ums Hodlen, nicht ums benutzen. Mit HEX habe er diese Art nur auf die Spitze getrieben (weil niemand vorher so schlau und tapfer war wie er).

Das weiterhin sehr kindische Argument wäre hier also, dass Roger Ver und das Bitcoin.com-Team HEX listen, weil Richard Heart sich nun gegen die BTC-Maximalisten stellt, möglicherweise, weil sie die BTC-Maximalisten mit einem Asset trollen wollen, das wie eine Parodie auf das ist, was Roger Ver und seine Anhänger über BTC sagen. Eventuell gelang es Richard, mit den richtigen Worten das zu sagen, was Roger hören will, und ihn uns seine Firma damit um den Finger zu wickeln.

Aber ist all das nicht doch zu kindisch? Gibt es nicht auch wirtschaftliche Motive? Vermutlich schon. Es ist für eine Börse immer extrem lukrativ, die erste zu sein, die ein Token oder einen Coin listet, weil man für eine kurze Zeit ein Monopol auf einen Markt bekommt. Mit HEX ist Bitcoin.com dies gelungen. Da die Besitzer von Bitcoins einige HEX-Token bekommen, die sie wohl vor allem auf den Markt werfen wollen, um mehr BTC zu erhalten, dürfte es auf Bitcoin.com eine Nachfrage nach dem Handel mit den Abzock-Token geben. Auch für Roger Ver – dem Vernehmen nach Besitzer von hunderttausenden von Bitcoins – dürfte es sehr lohnend sein, die HEX, die ihm laut dem System zustehen, gegen Bitcoins oder Bitcoin Cash zu tauschen. Und da es keine Börse gibt, die das bisher unterstützt, musste es seine Firma eben selbst machen.

Egal, wie man es erklärt, durch kindische oder gierige Impulse – das Ergebnis wird dasselbe sein. Ahnungslose Anleger werden Geld verlieren, das Richard Heart und seine Gang von früh eingekauften HEX-Walen an sich reissen. Leider funktioniert dieses eigentlich schon so alte Spiel immer wieder von neuem.

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