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Die Theorie von Bitcoins Endzeitökonomie

Die Bank of International Settlement (BIS), auch bekannt als “Zentralbank der Zentralbanken”, hat ein Paper zur “Endzeitökonomie” von Bitcoin veröffentlicht. Darin erklärt sie, dass Bitcoin nicht langfristig in der Lage sein wird, ausreichend Liquidität zu erhalten, weil die Miner nicht mehr genügend verdienen, um Transaktionen zu sichern. Die These hat einige Lücken, ist aber originell.

Man kann wohl nicht sagen, dass die Bank of International Settlement (BIS) ein Freund von Bitcoin ist. Die Basler Institution wickelt den Zahlungsausgleich zwischen den Zentralbanken ab. Wenn das Netz des globalen Geldwesens ein Zentrum hat, dann ist das die BIS.

Vor kurzem hat die BIS ein sehr schwarzmalerisches, aber interessantes Paper veröffentlicht. Sie prophezeit, dass die Liquidität von Bitcoin dramatisch fallen wird, wenn der Block-Reward sinkt. Die Folge “einfacher Kalkulationen” ist, dass es schließlich Monate dauern wird, bevor eine Bitcoin-Transaktion als finalisiert gelten kann. Klingt abenteuerlich, baut aber auf einer innovativen Perspektive auf.

Ökonomische Finalität

Gewöhnlich misst man den Zustand einer Transaktion anhand der Anzahl an Bestätigungen, die sie erhalten hat. Jedesmal, wenn ein Block auf dem Block, in dem die Transaktion gelandet ist, aufbaut, erhält eine Transaktion eine Bestätigung mehr. Man sagt dazu auch, dass sie so-und-so-viele Blöcke tief ist. Die Autoren des BIS führen dagegen das Konzept der “ökonomischen Finalität” ein. “Eine Zahlung kann als final gelten, sobald es nicht mehr profitabel ist, sie mit einem Double-Spend rückgängig zu machen.”

Aufgrund dieser Annahme behaupten die Autoren, dass die Mining-Einnahmen 8,3 Prozent des Transaktionsvolumens betragen müssen, wenn die Transaktion nach sechs Blöcken finalisiert sein soll. Um einer Transaktion über 100 Euro gewiss zu sein, müssen die Miner im Verlauf von sechs Blöcken 8,30 Euro verdienen. Überweist man dagegen 100 Millionen, braucht man 8,3 Millionen, und so weiter. Die Autoren des Papers nehmen aber an keiner Stelle Bezug dazu, dass die Finalität von der überwiesenen Summe abhängt.

Das nächste Problem sei nun, dass “das System nicht genügend Einnahmen durch Gebühren generieren kann, um seine Sicherheit zu garantieren. Entweder ist es nicht ausgelastet, wodurch die User sehr niedrige Gebühren setzen können, oder es ist verstopft”. Dies sei ein klassisches Problem der “Tragödie des Gemeinwesens”: User profitieren davon, dass die Miner genügend einnehmen, haben aber selbst Anreize, so wenig Gebühren wie möglich zu bezahlen.

Dann verbinden die Autoren die beiden Thesen: “Proof of Work kann nur eine Zahlungssicherheit gewährleisten, wenn das Einkommen der Miner hoch ist, doch der Markt für Transaktionen kann kein adäquates Einkommen generieren.” Die Folge ist eine Endzeitökonomie. Wenn der Block-Reward am Ende austrocknet, wird man immer länger warten müssen, damit eine Zahlung Finalität erreicht. Die Autoren des BIS sagen voraus, dass es am Ende fast 50.000 Blöcke dauern wird. Also fast ein halbes Jahr.

Theorie und Wirklichkeit sind meistens nicht dasselbe

Die Theorie ist spannend, und sicherlich nicht ganz aus der Luft gegriffen. Die 51-Prozent-Angriffe auf Bitcoin Gold und Ethereum Classic haben gezeigt, dass Transaktionen auf einer Blockchain unter entsprechenden Bedingungen auch wieder revidiert werden können. Allerdings orientiert sich die BIS hier an einem rein mathematischem Modell, das die ökonomische Wirklichkeit ausklammert.

Zunächst ist ein Double Spend nur in wenigen Situationen relevant: Es muss ein Miner im Spiel sein, man muss einen Handel über einen sehr großen Betrag relativ zeitnah abschließen, und es darf keine Möglichkeiten geben, den Miner juristisch wegen des Double-Spends zu belangen. Die allermeisten User werden davon gar nichts mitkriegen. Ihre normalen Zahlungen im Wert von 100 oder 1000 Euro werden weiterhin mit der gewohnten Schnellligkeit bestätigt.

Bei Bitcoin Gold und Ethereum Classic betrafen die Double Spends wohl einige kleine Börsen mit nicht allzu großen Beträgen. An große Börsen trauen sich die Double-Spender schon jetzt nicht heran, aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung. Dort, wo Double Spending lukrativ wäre, herrschen bereits rechtliche Umstände, die es weniger profitabel machen, da risikoreicher. Unter den meisten Umständen sind solche Double Spends absolut irrelevant.

Die Möglichkeit, dass die Miner durch Transaktionsgebühren ausreichend Einnahmen generieren, weisen die Autoren mit einem eher lapidarischen Hinweis auf die Tragödie des Gemeinwohls zurück. Wirklich weiter denken sie dabei aber nicht. Wenn beispielsweise eine Transaktion mit einem hohen Wert das Risiko erhöht, dass der Block, der sie enthält, später von einem Angreifer überschrieben wird – und der Miner damit sämtliche eingenommenen Gebühren verliert – dann wird er wertvolle Transaktionen folgerichtig als Risiko einkalkulieren und nur noch verarbeiten, wenn sie auch mit hohen Gebühren einhergeht. Womit sich das Problem der zu geringen Gebühreneinnahmen von selbst löst.

Es gibt noch zahlreiche weitere Möglichkeiten: Die Miner verbinden sich zu natürlichen, spontanen, wechselnden Kartellen, um Mindestgebühren zu setzen. Oder sie setzten höhere Gebühren für spezielle Transaktionen, etwa mit CoinJoins, Multisig oder Nachrichten per Op_Return. Und so weiter. Es gibt hier zahlreiche Möglichkeiten, wie sich ein Gleichgewicht hoher Einnahmen durch die Miner und einer je nach Wert einer Transaktion rechtzeitigen Finalisierung einpendeln kann.

Man könnte noch zahlreiche weitere Möglichkeiten zeigen, die die These des BIS widerlegt. Die Autoren denken jedoch nicht in diese Richtungen. Stattdessen erklären sie die Bitcoin-Ökonomie für totgeweiht. Sie empfehlen, über Proof-of-Stake-Systeme nachzudenken, weil dies sicherer sei, oder eine soziale Schicht auf Bitcoin aufzulegen, etwa eine Instanz, die Double-Spends rückgängig machen kann – also eine Zentralbank. Oder gar eine Zentralbank der Zentralbanken, wie die BIS es ist.

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