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July 17, 2019
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Das sozio-technische Leben von Bitcoin

Der Soziologe Adam Hayes formuliert eine gesellschaftswissenschaftliche Perspektive auf Bitcoin, die die Überfokussierung auf das Geld aufbricht. Endlich. Ein wichtiges Paper.

Bitcoin ist definitiv ein soziologisches, also ein gesellschaftliches Phänomen. Viel mehr als eine rein technische oder ökonomische Sache. Wenn man aus Sichtweise der Technologie oder der Ökonomie Bitcoin anschaut, bekommt man immer nur eine Scheibe des Ganzen – die Technik oder Wirtschaft. Zusammen kommt beides nur auf primitive Weise durch eine einfache Ursache-Wirkung-Beziehung, und, schlimmer: all die anderen Effekte, die dieses weltverändernde Phänomen auf die Weise hat, wie Menschen zusammenleben, werden schlichtweg ignoriert. Nur eine höhere, eine soziologische Betrachtung kann das gesamte Bild enthüllen.

Adam Hayes, Doktorant an der Soziologischen Fakultät der Universität von Wisconsin, legt in seinem Paper „Das sozio-technische Leben von Bitcoin“ eine bemerkenswerten Grundlage, auf der sich eine Soziologie von Bitcoin bilden kann.

Am naheliegendsten wäre es für einen Gesellschaftswissenschaftler natürlich, bei Geld anzufangen. Schließlich ist Bitcoin ja Geld, und die Soziologie verfügt über einen reichen Fundus an soziologischen Schriften zum Geld, etwa die von Georg Simmel, und knüpft zudem gut an ökonomische Theorien zu Geld an. Das führt aber, stellt Hayes fest, nirgendwohin.

Es gibt bereits zahlreiche ökonomische Intepretationen von Geld gibt, etwa den klassischen Liberalismus, den Keynesianismus oder die New Monetary Theory. Keine davon kann beanspruchen, „wahr“ zu sein, weshalb der Soziologie sich für einen ideologischen Flügel entscheiden muss, noch bevor er überhaupt anfangen kann, sich Bitcoin zuzuwenden. Anstatt eine Soziologie von Bitcoin zu betreiben, würde er eine Soziologie des Geldes entwickeln müssen, in die er dann Bitcoin einpassen kann, um klassische Fragen zu stellen: Ist Bitcoin überhaupt Geld? Wenn ja, was für ein Geld? Das ist nicht uninteressant, aber eine aufwändige Prozedur, um als Soziologie unter den Möglichkeiten seines Fachs zu bleiben.

Ohnehin war die monetäre Theorie in der Vorgeschichte und auch Genese von Bitcoin so gut wie gar nicht präsent. Hayes zeigt das in einer kurzen, aber präzisen und spannenden Vorgeschichte von Bitcoin. Er begann mit David Chaum, der in den 80ern sein Digicash-Verfahren vorstellte, um Werte durch Public-Key-Kryptographie elektronisch, sicher und anonym zu versenden, und kommt dann zum Problem des Double-Spendings, das in den 90er Jahren erst vollständig erkannt wurde. Das Double-Spending machte viele Ansätze für digitales Bargeld mehr oder weniger sinnlos. Als Antwort versuchten die Entwickler, zentrale Entitäten einzuführen – etwa Banken – die prüfen, ob eine Zahlung „ehrlich“ ist. Das Problem des Vertrauens wollten sie entschärfen, indem sie die Beziehung zwischen User und Bank durch immer komplexere Kryptographie wie Zero-Knowledge-Proofs so gestalteten, dass die Banken dabei weder Verfügung über die noch Kenntnis von den Zahlungen haben.

Ein Paradigmenwechsel

Proof-of-Work, also die Technologie, die Bitcoin im Kern ausmacht, beschreibt Hayes zu Recht als einen „Paradigmenwandel“ nach Thomas Kuhn: Die bisherige Wissenschaft benötigt immer mehr Komplikation, um ihr Modell davor zu bewahren, auseinanderzufallen, bis schließlich ein neues Modell alles auf einer tieferen Ebene besser zusammenbringt.

Das Beispiel, auf dem Kuhn in seinem legendären Buch herumreitet, ist die Stellung der Erde im Weltall. Im 16. Jahrhundert dachte man, die Sonne kreise um die Erde. Um dieses Axiom mit den immer genauer werdenden astronomischen Beobachtungen von Planetenbahnen und so weiter in Einklang zu bringen, mussten die Astronomen immer komplizierter Theorien des Modells bilden. Der Höhepunkt war Tycho Brahes Konzept, in dem sich die Sonne um die Erde dreht, aber die Planeten um die Sonne. Kopernikus, Kepler und Galilei haben den Grundpfeiler dieses Modells schließlich zerschlagen und die Sonne vollständig in den Mittelpunkt gestellt. Damit ergab alles plötzlich viel einfacher einen Sinn.

Proof-of-Work ist ähnlich. Anstatt Wege zu finden, die zentralen Mittelsmänner durch Technologie ohnmächtig zu machen, schafft Bitcoin diese einfach ab. Die Miner bilden ein dezentrales Netzwerk, das eine öffentliche Datenbank fortschreibt und durch Arbeitsbeweise von Computerleistung verkettet. Die Einführung einer eigenen, knappen Währung war ein Nebeneffekt dieser Lösung, da man ein knappes Gut brauchte, um die Miner zu belohnen. Bei Bitcoin, schreibt Hayes, „ging es vielmehr um eine technologische Lösung für soziale Probleme als darum, Geld neu zu erfinden und die monetäre Ordnung umzustoßen.“ Tatsächlich demonstriert Bitcoin, „dass Eigentumsrechte sicher und unveränderlich von einem Akteur auf den anderen übergeben werden können, ohne dass sie konventionelle soziale Strukturen benötigen.“ Ob der Besitz von Bitcoins bedeutet, Geld zu haben, ist eine viel weniger wichtige Frage, als wie der Besitz ermöglicht wird.

Das, was Hayes als soziologisches Forschungsobjekt ausmacht, ist demnach auch nicht so sehr Bitcoin, die Währung, als Blockchain, die Technologie, die Bitcoin ermöglicht. Diese bringt zwei Individuen zusammen, die Eigentumsrechte austauschen, „indem sie ein geteiltes Kontobuch benutzen, dass durch ein dezentrales Konsensprotokoll validiert und erhalten wird.“ Damit hätten wir einen soziologischen Ansatz: Bitcoin technologisiert eine bisher soziale Institution, die gewisse Formen der zwischenmenschlichen Interaktion reguliert, durch eine Technologie. Wenn man mal darüber nachdenkt, ist das groß.

Die Ontologien von Bitcoin

Hayes bricht dieses Feld nun weiter auf und unterteilt es in drei Prozesse: Erstens der direkte (peer-to-peer) Austausch zwischen Personen, zweitens die geteilte Aufzeichnung dieser Austausch-Vorgänge, und drittens die Möglichkeit, die Ehrlichkeit dieser Aufzeichnung ohne eine dritte Partei zu prüfen. Diese drei Vorgänge erzeugen je eine spezifische – obacht, Fremdwort: „Ontologie“. Ontologie ist ein schwieriger philosophischer Begriff, dem man vielfältig deuten kann. An dieser Stelle soll er helfen, „die verschiedenen sozialen Realitäten zu identifizieren“ die durch die drei Prozesse generiert werden.

Die Betonung liegt hier auf „generiert“: Die sozialen Realitäten werden nicht nur, wie im klassischen Sozialen Konstruktivismus, durch den gesellschaftlichen Kontext gebildet, also durch das Wissen, die Erziehung, die Wünsche und die sozialen Erwartungen des Einzelnen, sondern sie entstehen erst in der konkreten Situation – durch, wie Haynes schreibt, „den Verlauf gewisser praktischer Aktivitäten“. Auf die Alltagssprache heruntergebrochen: Was Bitcoin ist, hängt davon ab, wofür es genutzt wird.

Hayes Soziologie sieht Bitcoin also nicht als Geld an, sondern als einen technologischen Paradigmenwandel, der es möglich macht, die bisherige soziale Lösung für ein gesellschaftliches Problem – den Austausch von Werten – durch eine technologische Lösung zu ersetzen. Wofür und wie diese Lösung genutzt wird, bestimmt, welche spezifische soziale Realität aus ihr erwächst. Damit hätten wir einen Rahmen, innerhalb dem soziologische Fragen gestellt und beantwortet werden können.

Hayes beginnt sein Programm, indem er vier dieser Realitäten skizziert:

Als Buchhaltungssystem („System of Account“)

Als Buchhaltungssystem ermöglicht Bitcoin „alle Arten von direkten Transfers zwischen Individuen.“ Hayes nennt als Beispiel Grundstücksrechte, die ohne Kataster, Amt und Notar übertragen, oder Autos, die verkauft werden, ohne dass sich eine Behörde dazwischenstellt, die Buch über die Eigentümer von Autos führt. Ähnliches ist für den Besitz von Aktien, Patenten oder Urheberrechten denkbar. Die ICOs beispielsweise haben demonstriert, dass es möglich ist, Kapital auf eine Weise einzuholen, bei der die Investoren und das Unternehmen direkt, also peer-to-peer, interagieren, weil die Blockchain als technische Lösung die bisherigen Mittelsmänner zwischen beiden Parteien überflüssig macht.

Buchhaltung, betont Hayes, „ist nicht trivial“. Die doppelte Buchführung, die Ende des Mittelalters entwickelt wurde, „legte das Fundament für ein kapitalistisches Produktionssystem“. Die Innovation von Bitcoin wird nun zuweilen als „dreifache Buchführung“ beschrieben, in der es eine offene, dezentrale dritte Partei gibt, die eine validierte, öffentliche und unveränderbare Kopie der Buchführung bereitstellt. „Wenn die doppelte Buchführung geholfen hat, den Kapitalismus hervorzubringen“, fragt Hayes, „wohin führt dann die dreifache Buchführung?“

Als Organisation

Blockchains können auf dezentrale Weise Skripte ausführen, die sehr spezifische Bedingungen dafür vorgeben, ab wann eine Aktion zu einem Eintrag des Kontobuchs werden kann. Damit lassen sich Smart Contracts konstruieren, die Abläufe, die üblicherweise durch traditionelle Verträge und das Rechtssystem gewährleistet werden, vollständig technologisieren. Die Blockchain ersetzt auch hier eine soziale Lösung für ein soziales Problem durch eine technische Lösung.

Das führt Hayes zu faszinierenden Ausblicken der Organisationssoziologie. Die Unvermeidbarkeit von Smart Contracts, die unabhängig von den sozialen Umständen ausgeführt werden, beseitigt die Restmenge an Vertragsbruch, die allgegenwärtig ist, weil die Aufsicht über und die juristische Exekution eines Vertrages oft mehr Kosten verursachen als sein Ausfall. Mit Blockchains kann diese Restmenge auf Null gesenkt werden.

Darüber hinaus können Blockchains auch „Firmen in eine Matrix von Peer-zu-Peer-Smart Contracts zerlegen“, indem die Transaktionen, die zwischen den Mitgliedern einer Organisation ablaufen, nicht mehr durch diese selbst, sondern durch Skripte verwaltet werden. Dies drückt auch das Konzept der Dezentralen Autonomen Organisationen (DAO) aus, die wir vor mehr als zwei Jahren schon spektakulär scheitern sahen, die aber auch gleichzeitig mit der Maker DAO im blühenden Leben stehen. Wesentliche Teile von dem, was eine Firma ausmacht – die Kontrolle von Interaktionen und Transaktionen – lässt sich durch einen Smart Contract abbilden.

Für die Soziologie eröffnet das ganz neue, vorher undenkbare Welten.

Als Institution

Der für mich aber spannendste Punkt in Hayes Aufzählung ist der der „Institution“. In der Soziologie ist das ein wichtiger, aber komplexer Begriff; es meint, um es mit dem Soziologen auszudrücken „ein System von etablierten und vorherrschenden Regeln, die die sozialen Interaktionen und Erwartungen strukturieren und damit bestimmte Verhaltensformen beschränken und ermöglichen.“ Institutionen sind also all die mächtigen, unsichtbaren und schwer zu greifenden sozialen Gebilde, die den Rahmen dafür setzen, wie wir Menschen uns verhalten, wenn wir, weshalb auch immer, mit anderen Menschen zusammentreffen.

Erst durch Institutionen wird es möglich, dass man vertrauenswürdige Transaktionen tätigt, die erzwingbare Effekte auf die Eigentumsrechte haben. Blockchain ist nun eine Technologie, die diese Aufgabe ohne solche Institutionen erfüllt: Sie erzwingt die Übergabe von Eigentumsrechte rein technologisch. In der Forschung wurde Blockchain daher auch schon als „Institutions-Technologie“ bezeichnt.

Das ist so groß: Erstmals in der Geschichte der Menschheit kann eine Technik die Rolle von Institutionen übernehmen. Für die Soziologie ist das ein beinah endloser Paradigmenwandel: Soziale Systeme verschmelzen mit technologischen Systemen, es entstehen hybride sozio-technologische Institutionen, eine Art Cyborg des sozialen Geschehens. Oder, wie Hayes meint, ein „kryptoanarchischer Techno-Leviathan“, frei nach Hobbes: Blockchains ersetzen die Regierung durch eine Technologie und Regeln durch Algorithmen.

Indem es nicht nur die eine Blockchain gibt, sondern viele konkurrierende, ensteht darüber hinaus ein ganz neuer Markt: Ein Markt der Institutionen. Blockchains werden zu Sandkästen, in denen man neue soziale Institutionen planen, schöpfen und testen kann, und die Märkte entscheiden darüber, welche Form der Institution sich durchsetzt.

Als Geld

Hayes Soziologie des Bitcoins beginnt nicht bei der Frage nach dem Geld – aber das bedeutet nicht, dass sie das Thema komplett ignoriert. Geld ist weiterhin ein Teil von dem, wie sich Bitcoin in der Gesellschaft äußert, und zwar weiterhin der mit Abstand wichtigste. Da er aber auch hier nicht tiefer in die ökonomische Grundlage von Geld einsteigen will, bleibt der Teil sehr skizzenhaft. Hayes meint etwa, dass Bitcoin nicht zwingend selbst Geld sein muss, es aber zahlreiche andere Möglichkeiten gibt, durch Blockchains Geld zu schaffen. Als Beispiele nennt er die vielen von Staaten geplanten nationalen Kryptowährungen sowie Ether, das zu einer Rechnungseinheit für das Gas bei Ethereum wird, also den Kosten, die ein User für das Ausführen von Smart Contracts bezahlen muss.

In theoretischer Hinsicht erwähnt er lediglich, dass Geld in der Soziologie von Blockchains entweder „ein definiertes Set von monetären Regeln und Kontrollen“ sein kann, oder ein „Zähler“, der im Kontobuch selbst ist und im sozialen Leben als Geld verwendet wird. Das ist alles.

Ein wichtiger Ansatz

Natürlich könnte man das Programm noch weiterschreiben. Was mir zum Beispiel fehlt, ist dass Hayes zwar erkennt, dass Bitcoin als Technologie soziale Institutionen ersetzt, aber offenbar nicht auf die Idee kommt, Bitcoin selbst als soziales Gebilde zu verstehen, in dem verschiedene Institutionen zusammenwirken: Die Kultur der Open-Source-Entwicklung, Dynamiken in sozialen Medien, Ideologien, das bestehende Recht, spieltheoretische Anreize und so weiter. Die Soziologie hätte hier die Kompetenz, zu erklären, durch welche sozio-politischen Mechanismen Bitcoin intern „regiert“ wird, und wie dies mit den Dynamiken benachbarter Systeme wechselwirkt.

Davon abgesehen ist sein Ansatz ungemein wichtig. Indem er die Fixierung von Bitcoin als Geld löst, kann er erkennen, dass Bitcoin bzw. Blockchain eine spezifische technische Lösung für ein soziologisches Problem ist, das bisher durch soziale Institutionen gelöst wurde. Dies ist ein perfekter Startpunkt, um zu untersuchen, welche soziologischen Effekte und Mechanismen Bitcoin in die Welt bringt. Hayes Aufsatz hat damit das Potential, zur Basis zahlreicher weiterer Forschungsprojekte und Dissertationen zu werden, die die genannten Koordinaten empirisch und theoretisch füllen.

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