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Das Maximalistenstadl erklärt dem Journalismus den Krieg

Bitcoin hat ein Problem – nämlich den Fanatismus einiger seiner Fans. Sie entfachen im Internet einen Trollkrieg, und eine Konferenz in Dallas entblößt, wie ein Teil der sogenannten „Bitcoin-Maximalisten“ tickt. Das ist ziemlich schockierend.

Begeisterung ist klasse. Die Welt wäre nichts ohne sie, und keine große Sache ist jemals entstanden, ohne dass sich Menschen für sie begeistert haben. Aber auch bei Begeisterung macht das Maß das Gift. Zuviel davon kann zu Fanatismus und Besessenheit mutieren, und das ist viel zu oft der Boden, auf dem Ignoranz und Hass gedeihen.

Über die Bitcoin-Maximalisten haben wir hier schon öfter geschrieben. Das sind oft Leute, die die ehrenwerte und gut begründbare Position vertreten, dass Bitcoin das bessere Geld ist und es keinen Sinn ergibt, das eine Geld für die Welt in hunderte von Altcoins zu zersplittern. Das ist eine vollkommen legitime Perspektive. Allerdings gibt es unter ihnen auch einige Fanatiker. Für diese wird Bitcoin eine Religion, und aus dem Fanatismus erwächst oft Hass und Verachtung gegen die anderen. Weil dieser Teil der Bitcoin-Maximalisten im Internet oft extrem aggressiv auftritt, werden seine Vertreter auch „Toxikalisten“ genannt.

Dieser Teil der Maximalisten teilt bestimmte Glaubenssätze: Bitcoin wird unvermeidlich das Fiatgeld ablösen. Altcoins und Blockchain-Technologie sind pauschal Betrug. Die Bitcoin-Core-Roadmap sowie die in ihr ausgedrückten Werte sind heilig. Diese und viele weitere Glaubenssätze gelten als eisenharte Fakten. Im Internet raufen sich die Toxikalisten gerne zusammen, um über diejenigen herzufallen, die diese Fakten leugnen.

Am letzten Wochenende trafen sich nun einige Maximalisten in Dallas, Texas, auf der Bitblockboom-Konferenz. Dort haben sie sich in ihren Überzeugungen bestätigt, gemeinsam Häme auf Shitcoiner und andere Ungläubige geschüttet und natürlich ganz viel Fleisch verputzt.

Das Nakamoto Institute

Organisiert wurde die Bitblockboom von Pierre Rochard und Michael Goldstein vom Nakamoto-Institute. Das ist eigentlich nur eine Webseite, die die Texte von Satoshi sammelt und früher mal interessante Blogposts hatte.

Bild von Paul Keller via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Nachdem aber der Mitgründer und Blogautor Daniel Krawicz sich erst für Bitcoin Cash, dann für Bitcoin SV erwärmt hat, haben Pierre und Michael ihn rausgeworfen. Denn im Nakamoto Institute gibt es keinen Platz für Häretiker, und Pierre und Michael nehmen das sehr ernst.

Die Bitblockboom wurde von ihnen als die einzige echte US-Konferenz für Maximalisten beworben. Sie wartete mit ein paar prominenten Sprechern auf: Neben Pierre und Michael etwa Jimmy Song (der ziemlich teure, aber nachgefragte Bitcoin-Kurse anbietet), Saifedean Amous (der Autor des Bitcoin Standard) und Tone Vays (Youtuber und Konferenz-Tingler). Die meisten der Sprecher waren aber eher mäßig bekannte Podcaster, die sich eben auf Bitcoin fixieren. Aus der Wirtschaft war lediglich Blockstream als bedeutendes Unternehmen vertreten.

Das grosse Fressen

Man sollte diese Konferenz nicht falsch verstehen. Es ging nicht darum, Wissen auszutauschen oder Standpunkte zu diskutieren. Der Zweck war ausschließlich, sich gegenseitig im Glauben zu bekräftigen und Massen an Steaks zu vertilgen.

Falls man eine Karikatur des typischen Bitcoiners sucht, findet man sie auf der Bitblockboom. Die Konferenz wirkt wie eine Parodie der gängigen Klischees. Aber sie ist trotz einiger ironisierender Untertöne ebenso ernst gemeint wie die Obsession mit Fleisch. Saifedean Amous, der Autor des Bitcoin Standards, erklärt etwa, weshalb die Fiat-Gesellschaften nur Müll essen – Brot und Gemüse – während die Bitcoiner sich richtig ernähren. Denn wenn kein Tier dafür gestorben ist, dass man sich etwas in den Mund schiebt, macht man etwas falsch. Aber keine Sorge – Bitcoin wird das richten.

Sektenbuilding für Maximalisten

Der größte Teil der Konferenz war ein lustiges und harmloses Maximalistenstadl. Gruselig wurde es jedoch mit dem Talk von Goldstein vom Nakamoto Institute. Goldstein instruiert die Zuhörer, wie man Bitcoin „mit Memes zum Mond“ bringt. Mich hat dieser Vortrag getriggert, weil ich darin eine bösartige und gefährliche Geisteshaltung sehe. Möglich, dass ich es damit übertreibe, aber lasst es mich zusammenfassen.

Goldstein teilt er die Menschheit in drei Gruppen – Bitcoiner, Präcoiner und No-Coiner – und präsentiert Anweisungen, wie die Mitglieder dieser Gruppen zu behandeln sind.

1) Die Bitcoiner sind die „In-Group“, die geistige Heimat. Hier begegnet man sich auf Augenhöhe, kann zusammenarbeiten und auch diskutieren. „Debatten, das passiert mit anderen Bitcoin-Maximalisten“ und ist nur möglich, wenn man von vorneherein im Grundsatz übereinstimmt.

Bitcoiner sind gehalten, sich vor schädlichen Außeneinflüssen zu schützen und sich gegen die Argumente der anderen zu immunisieren. Es ist „wichtig, eine Echokammer zu haben. Es erlaubt dir, eine Gruppe von Menschen heranzuziehen, mit denen du Ideen teilen kannst.“

Bild von David J via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

2) Die Präcoiner sind Menschen, die in Zukunft unvermeidlich Bitcoiner sein werden. Sie sind freundlich an Bitcoin heranzuführen. „Wir formen die Gesellschaft der kommenden Jahrhunderte, und wir müssen unsere Botschaft in die Welt bringen“. Memes helfen, die Botschaft einfach zu halten, etwa „Numbers go up“ oder „Orange coin good“.

Gute Bitcoiner sollen „gnadenlos Propaganda betreiben, jeden Tag. Pumpt es raus. Das ist gut für Bitcoin … alles, was du ausstrahlst, sollte gut für Bitcoin sein.“ Dabei sollen sich Bitcoiner auch nicht scheuen, überzogene Versprechungen zu machen. „Wir sollten immer aus einer bullischen Situation agieren. Man soll niemals davor zurückschrecken, die Möglichkeiten zu ihrer logischen Extremposition zu treiben …“. Bitcoin soll als Lösung für alles beworben werden, was ja für die Bitcoin-Maximalisten keine Übertreibung, sondern eine Wahrheit ist. Um es mit einem Meme zu sagen: „Bitcon fixes this.“

3) Die Nocoiner schließlich sind die Feinde. Sie sind Menschen, die weder Bitcoiner sind, noch von diesen lernen wollen. Sie müssen „zerschmettert“ werden, denn „sie unterstützen ein massiv destruktives ökonomisches System. Zeige keine Gnade. Sie verdienen absolut keine Gnade. Sie sind bezahlte Shills. Nett zu sein, kostet Energie. Warum sollten sie das verdienen? Warum sollte ich diese Energie aufbringen? Diese Leute sind Feinde. Sie verdienen nichts als extreme Verachtung. Man sollte sie den Schmerz spüren lassen.“

Neben den Nocoinern zählen auch die „Shitcoiner und Journalisten – ganz besonders die Journalisten“ zu den Feinden. Sie „verdienen nicht mehr, als getrollt zu werden. Im Grund wird jeder, der kein blaues Häkchen auf Twitter hat, solange die harte Hand des absoluten Trollens zu spüren bekommen, bis seine Unschuld bewiesen ist.“ Denn es gibt „keinen Rund, sich um jemanden zu bemühen, der nicht willig ist, deine Position auf eine gute, systematische und logische Weise zu verstehen.“

Ok. Muss ich wirklich begründen, weshalb mich diese Botschaft bestürzt?

Isoliert die Sünder

Manchmal wird gesagt, das sei ein Witz gewesen. Oder eine Ironie, die nur Bitcoin-Maximalisten verstehen. Tatsächlich ist es aber ernst gemeint.

Wie ernst, zeigte eine kurze Episode auf Twitter, die der Konferenz folgte. Pierre Rochard vom Nakamoto Institute begann eine Wutkampagne gegen Mike Dudas, dem Herausgeber des Magazins The Block. Amüsanterweise bekennt sich Dudas selbst zum Bitcoin-Maximalisten.

Es ging so los: Ein Kerl namens Joshua Davis hat über Twitter ein Meme gepostet, das Pierre Rochards Gesicht mit den Symptomen für eine durch Alkohol ausgelöste geistige Krankheit vergleicht. Geschmacklos, aber man dürfte von den Meistern aggressiver Memes erwarten, dass sie derben Spaß verstehen.

Machen sie aber nicht. Denn das Trollen der Bitcoin-Maximalisten ist „ethisch“: Sie bewahren die Präcoiner davor, Geld an die Shitcoiner zu verlieren. Joshua dagegen hat „beleidigend“ getrollt. Das ist etwas vollkommen anderes.

Bild von Maria Eklind via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Man hört das immer wieder als Rechtfertigung. Die Bitcoin Maximalisten verhalten sich so toxisch, weil sie andere Leute davor bewahren wollen, auf Betrüger reinzufallen. Daher beschimpfen sie jeden Altcoins als Betrug oder Shitcoin, ohne es nötig zu haben, jemals vor konkreten Betrüger zu warnen. Damit arbeiten sie vor allem denen zu, die Leuten mit Pyramidenspielen und so weiter wirklich Geld aus der Tasche ziehen. Denn wenn alles Betrug ist, ist nichts Betrug. Wenn Ethereum Betrug ist – dann kann man sich auch gleich in BitConnect einkaufen, oder?

Davis – der ironischerweise eine Plattform betreibt, um die Opfer von ICO-Betrügern zu entschädigen – wurde so weit getrollt, dass er seinen Twitter-Account privat gestellt hat, so dass nur noch bestätigte Follower lesen können. Danach stürzten sich Rochard, Goldstein und ihre Anhänger auf Dudas, weil der, irgendwie, mal in gutem Kontakt mit Davis gestanden hatte. Also wurde Dudas von einer Horde von Trollen belagert, die auch versuchen, seine Mitarbeiter davon zu überzeugen, dass TheBlock besser ohne Dudas wäre.

Es reicht eben nicht, die Sünder anzugreifen. Man muss auch ihre Freunde und Familien angreifen, so dass sich niemand mehr traut, sie zu unterstützen, sobald sie auf einer roten Liste stehen. Die Feinde müssen sozial isoliert werden.

Alle haben Angst vor der Minderheit

Man könnte all das als einen Ausfall einer kleinen, radikalen Minderheit verstehen. Es gibt immer und überall Fanatiker, und es ist deren gutes Recht, fanatisch zu sein.

Der absolute Großteil der Bitcoin-Szene besteht aus vernünftigen, besonnenen, klugen Menschen; nur eine winzige Minderheit unserer Leser ist Bitcoin-Maximalist, und die meisten Maximalisten, die ich kenne, halten nichts davon, so toxisch zu agieren. Sie vertreten, wie gesagt, eine vernünftige Position und stehen sachlich und höflich für diese ein.

Bild von Roger Nelson via flickr.com. Lizenz: Creative Commons

Allerdings sollte man die Toxikalisten auch nicht unterschätzen. So habe ich etwa auf Twitter unter einigen mir bekannten vernünftigen Maximalisten gefragt, wie sie zu dem Vortrag stehen. Bisher habe ich noch keinen gefunden, der ernsthaft ablehnt. Generell haben die Maximalisten – die eine durchaus ehrenwerte Position vertreten – viel zu viel Toleranz für ihre eigene radikale Minderheit. Man findet bei ihnen sehr viel Zustimmung von Goldsteins Präsentation, aber nur in absoluten Ausnahmefällen eine entschiedene Ablehnung.

Decrypt.io ist eines der wenigen Krypto-Medien, die es wagen, sich gegen die Toxikalisten zu stellen. Es schreibt einen amüsanten Artikel über das Maximalistenstadl. Darin erfährt man auch, dass die Journalisten keinen Bitcoin-Promi gefunden haben, der kommentieren wollte – aus Angst vor der Vergeltung der Trolle. Ich kann das bestätigen; Trolle kontrollieren mit, was ich hier schreiben kann, und ich habe schon von mehreren CEOs der Branche im privaten Dinge gehört, die sie aus Furcht vor den Rufmord-Kampagnen der Maximalisten niemals öffentlich sagen würden.

Die Toxikalisten und Trolle beherrschen den öffentlichen Diskurs viel stärker, als wir uns eingestehen wollen. Es wurde im Lauf der letzten Jahre ok, zu zensieren, zu beleidigen und zu trollen; Rufmord zu betreiben und die Debatte zu manipulieren. Die Bitcoin-Community wurde Stück für Stück desensibilisiert, bis das Trollen schließlich sogar zur Ehre wurde. Viele derjenigen, die sich als Toxikalisten mit Loyalität zu einem Team besonders hervorgetan haben, wurden berühmt oder bekamen gute Jobs. Es gibt innerhalb der „Teams“ – das ist vor allem BTC, aber auch andere Kryptowährungen – so gut wie keine Sensibilität dafür, wenn es zur Radikalität in den eigenen Reihen kommt.

Es gibt Gruppen, organisiert oder unorganisiert, die konzertiert und durchaus erfolgreich den öffentlichen Diskurs manipulieren und beherrschen. Trollen funktioniert, so traurig das auch sein mag – solange man die Trolle gewähren lässt.

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