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April 25, 2019
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Bitcoin SV und die Commodity Ledger

Auf Bitcoin SV geschah in den letzten Wochen etwas erstaunliches: Die Blockchain wurde zum Cloud-Speicher. Plötzlich geht es: Man kann ganz einfach Texte, Bilder, Musik und sogar Videos auf die Blockchain laden und dort aufrufen.

Es gibt eine bezeichnende Anekdote über Gaius Julius Cäsar. Als der römische Feldherr auf dem Weg nach Spanien an einem elenden Bergdorf vorbeikam, bemerkte einer seiner Begleiter scherzhaft, dass es auch hier Machtkämpfe gäbe. Cäsar erwiderte mit einem historisch gewordenen Satz: “Lieber wäre ich hier der Erste als in Rom der Zweite.”

Diesen Satz könnte man auch auf Bitcoin SV ummünzen. Der Markt darum, die wichtige Kryptowährung für Zahlungen zu sein, ist hart umkämpft, und es scheint unmöglich, Bitcoin hier vom Thron zu stoßen, wie es Bitcoin Cash versucht. Also strebt Bitcoin SV danach, der erste auf einem anderen Gebiet zu werdem: Dem der Commodity Ledger. Bitcoin SV soll offenbar eine Blockchain für Daten werden.

Die Umsetzung ging verblüffend schnell. Es gab einige nach Außen hin eher unscheinbare Veränderungen und Entwicklungen, die es quasi über Nacht möglich gemacht haben. Man kann nun mit wenigen Klicks Texte, Bilder, sogar Musik und Videos auf die Bitcoin-SV-Blockchain laden und dort abrufen. Wer es direkt probieren will, sollte auf b.bitdb gehen.

Das neue Limit für Op_Return-Nachrichten

Die übliche Methode, um Nachrichten in eine Bitcoin-Blockchain zu schreiben, ist die Nutzung von op_return-Outputs. Man kann es sich wie den Verwendungszweck einer Banküberweisung vorstellen: Ein kleines Textfeld, in das Daten kommen, die nichts mit der technischen Transaktionslogik zu tun haben. Dieser spezielle Output hatte bis vor kurzem noch ein Limit von 223 Bytes. Das ist zwar genug, um einen kurzen Tweet zu senden, etwa mit sv.memo.cash, aber viel zu wenig für viele andere interessante Dinge.

In der vergangenen Woche ist dieses Limit nun gefallen. Eigentlich war es ganz einfach: Das Limit ist nicht Konsens-relevant, sondern nur eine lokale Einstellung. Alles, was nötig war, um es aufzuheben, war ein User, der eine Transaktion schreibt, die es ignoriert, und ein Miner, der diese Transaktion akzeptiert. Der Bitcoin-SV-Chefentwickler Shadders schrieb also eine solche Transaktion. In ihrem op_return-Output ist ein ganzes Kapitel von “Alice im Wunderland”, insgesamt 17 Kilobyte groß. Der Mining-Pool SVPool setzte diese Transaktion in einen Block – und das war’s: Das Limit wurde aufgebrochen und auf 100 Kilobyte gesetzt.

Die SV-Szene war elektrisiert und wurde sofort aktiv. Ein Entwickler mit dem Pseudfonym Unwriter zeigte die Transaktion mit seinem BitDB-Node als eine Webseite, indem er die op_return-Inhalte in ein HTML-Korsett einpasste. Die Blockexplorer Whatsonchain.com oder HugeBlock.info passten ihre Seiten an, so dass sie auch die größeren op_returns entziffern. Whatsonchain erlaubt es zudem, eine Transaktion mit den größeren Outputs zu propagieren. Das Blockchain-Twitter memo.cash erhöhte derweil die Limits der Nachrichten, womit man nun auch Artikel und Bilder anstatt nur Tweets senden kann. Dann hat ein Entwickler eine Uhr auf die Blockchain geladen, kurz darauf eine Musikdatei. Mit PageReturn tauchte unterdessen eine Seite auf, die die Op_Returns von Transaktionen zeigt.

Dann wieder Unwriter: Er stellte b.bitdb vor. Das ist ein Tool, durch das man mit zwei oder drei Klicks eine Datei, etwa ein Bild, auf die Blockchain laden kann. Dabei muss man lediglich das Bild hochladen und dann mit MoneyButton eine Transaktion bestätigen. Das geht sehr einfach.

Und es gibt noch vieles mehr. Es ist kaum eine Woche her, dass das Limit durchbrochen wurde, und schon ist es kaum möglich, zu überblicken, was seitdem passiert ist. Aber ich glaube, die allgemeine Tendenz ist klar.

Das Werk von Unwriter

Es wirkt zwar so auf den ersten Blick, aber rein aus heiterem Himmel kam diese Entwicklung nicht. Schon in den Wochen zuvor hat ein der anonyme, aber extrem schaffensfreudiger “Unwriter” eine Serie neuer Werke vorgestellt.

Unwriter hat schon vor einigen Monaten BitDB entwickelt, eine Art Datenbank für einen Bitcoin-Node, in der die Daten strukturiert abgespeichert werden. Das macht es möglich, eine Blockchain gezielt zu sortieren und zu filtern. BitcoinDB ist sehr abstrakt, eher ein Fundament, auf dem man aufbauen kann. In den letzten Wochen hat Unwriter dies nun mit einer Serie von Tools und Varianten gemacht.

Zunächst hat er ein Upgrade von BitDB speziell für SV geschrieben, das besser skaliert, Genesis. Dann hat er darauf aufgebaut. Etwa Babel, eine Variante, die nicht die vollen Transaktionsdaten, sondern lediglich den Teil speichert, mit dem Nachrichten gesendet werden, die op_return-Outputs. Kurz darauf folgte Chronos. Auch das ist abstrakt: Eine BitDB-Variante, die jeder Transaktion einen Zeitstempel gibt, wenn diese in den MemPool eingeht. Das könnte helfen, präziser mit unbestätigten Transaktionen zu arbeiten. Eine weitere reduzierte Variation von BitDB ist Meta: Es speichert nur die Metadaten der Blöcke, etwa Höhe, Merkle Tree oder Schwierigkeit.

Mit Bitsocket stellte Unwriter dann eine aktive Software vor. Eine Push-API, die es erlaubt, Ereignisse nicht nur abzufragen, sondern zu beobachten. So können Programme auf spezifische Ereignisse auf der Blockchain reagieren. Als Beispiel zeigte Unwriter Bitchat: Ein Chat-Programm, bei dem jede Nachricht auf der Blockchain gespeichert wird.

All diese Tools sind weniger Anwendung als Grundlage. Sie erschließen einen Teil von den Dingen, die man mit Blockchains machen kann.

Ergibt das überhaupt einen Sinn?

Viele würden die Frage wohl mit “Nein” beantworten. Bitcoin ist ein dezentrales Netzwerk, um Geld zu versenden. Wenn man beginnt, es mit Musik-, Bild- und Videodateien vollzustopfen, hilft das diesem Zweck nichts, frisst aber die Ressourcen des Systems. Es nun so einfach wie möglich zu machen, die Blockchain für nicht-monetäre Dinge zu missbrauchen, wie es die Bitcoin-SV-Szene derzeit betreibt, klingt nach Wahnsinn.

Allerdings wird Bitcoin SV kaum für echte Zahlungen verwendet. Die Akzeptanz tendiert gegen Null. Es gibt also nicht viel, dass man stören kann. Stattdessen könnte es eine helfen, Marktanteile in anderen Bereichen zu gewinnen. Strategisch könnte das Sinn ergeben.

Interessant ist es auf jeden Fall. Zunächst erlaubt es eine unzensier- und uneditierbare Art der Kommunikation. Das ermöglicht einiges: Ein gerichtlich hieb- und stichfestes Chatprotokoll; der Durchbruch der Great Firewall, mit der China sein Internet abschirmt; ein öffenliches Archiv und Kulturgedächtnis, das auf der Blockchain verewigt wird – solche Dinge eben.

Daneben könnte es Bitcoin SV extrem nützlich für all das machen, was unter dem Stichwort “Blockchain Technologie” gehandelt wird. Denn dabei geht es ja darum – die Blockchain für nicht-monetäre Anwendungen zu nutzen. Mehr Platz für Kommunikation hilft dabei immer. Das beste Beispiel könnten Supply Chains sein, die durch eine Blockchain für alle Beteiligten transparent verfügbar werden. Aber es gibt noch viele weitere Ideen, die mal mehr, mal weniger sinnvoll sind.

Die große Vision von Bitcoin SV ist jedoch das “Metanet”. Craig Wright hat dieses auf der CoinGeek-Konferenz im November angekündigt. Auf der Blockchain soll ein eigenes Internet entstehen, das inhärent mit Zahlungen und Transaktionen verbunden ist, und in dem Smart Contracts zahlreiche Operationen automatisieren. Die Blockchain wird zur zentralen Quelle der Wahrheit. Nur so wird Bitcoin SV, so die Theorie, langfristig überlebensfähig sein – wenn die Miner dadurch verdienen, dass sie den Platz auf einer “Commodity Ladger” verkaufen: Die Blockchain ist ein Kontobuch, und die Zeilen darin sind das Gut, das die Miner auf den Markt bringen.

Den Markt interessiert das offenbar derzeit nicht. Die Preise von Bitcoin SV sind in den letzten Tagen weiter gefallen, ich denke, mit etwa 55 Euro auf ein Allzeittief. Mal sehen, ob das Metanet die Währung aus diesem Tief herausziehen kann.

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