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Bitcoin SV aktiviert die Genesis-Hardfork. Bisher alles gut.

Heute Nacht fand die Genesis-Hardfork statt. Sie ist das ambitionierteste und vielleicht auch gefährlichste Upgrade, das jemals an einer Bitcoin-Software ausgeführt wurde. Sie könnte eine Flut neuer Transaktionstypen auslösen. Bisher ging die Hardfork ohne Turbulenzen vonstatten, steht aber offenbar auch unter dem Schutz der Mining-Flotte von Calvin Ayre. Ob Genesis wirklich in trockenen Tüchern ist, kann man heute vermutlich noch nicht sagen.

Und der Herr sprach, es werde Licht.

Einen gewissen Götterkomplex kann man Craig Wright und seiner Firma nChain nicht ganz absprechen, wenn sie dem für Bitcoin SV wichtigsten Upgrade einen Namen geben, der direkt der biblischen Schöpfergeschichte entspringt. Heute Nacht, zwischen ein und zwei Uhr, setzte die Genesis Hardfork ein. Block #620538 aktivierte die Fork, Block #620539 bestätigte sie, indem er auf der neuen Chain aufbaute. Seitdem untersteht Bitcoin SV den Regeln von Genesis.

Das Manöver scheint einigermaßen gutgegangen zu sein. Es gab keine ernsthaften Turbulenzen und keinen Spaltung der Blockchain. Lediglich ein verirrter Miner hat etwas später noch einen Block an die alte Chain angeheftet, die aber mittlerweile verdurstet zu sein scheint. Von einer Gegenbewegung, die die alte Chain erhalten möchte, ist keine Spur zu sehen.

Allerdings ist ein ansehnlicher Anteil der Full Nodes vom Netzwerk abgesprungen. Von etwa 450 Knoten Anfang des Jahres sind nur noch 362 übrig, womit das Netzwerk langsam etwas dünn wird. Auch wenn es die Philosophie von Bitcoin SV ist, dass „Hobbynodes“ nicht zählen, und streng genommen nur Miner echte Nodes sind, sollte die geringe Anzahl doch nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Denn je weniger Full Nodes es gibt, desto höher wird das Datenvolumen, das die verbliebenen Nodes stemmen müssen, um die User von Bitcoin SV mit Transaktionsdaten zu versorgen und ihre Transaktionen im Netzwerk zu propagieren. Dies könnte dazu führen, dass das Netzwerk langsamer operiert.

Nodes von Bitcoin SV. Bild von Coin.Dance

Eine weitere Auffälligkeit ist, dass TAAL und CoinGeek derzeit die absolute Mehrheit aller Blöcke produzieren. Da TAAL und CoinGeek eigentlich dasselbe sind – sie gehören beide mehr oder weniger direkt oder indirekt Calvin Ayre – bedeutet dass, dass mehr als 70 Prozent der Mining-Power von Bitcoin SV in einer Hand sind. Es ist, könnte man sagen, quasi die Blockchain von Calvin Ayre.

Anteil der Mining-Pools an der BSV-Hashpower im 7-Tages-Schnitt (links) und im 24-Stunden-Schnitt (rechts). Quelle: ebenfalls Coin.Dance.

Im Gesamtbild relativiert sich die Dominanz der Ayre-Miner allerdings. Bitcoin SV vereinnahmt derzeit lediglich 2,4 Prozent der globalen SHA256-Hashrate. Jeder auch nur halbwegs relevante BTC-Pool könnte Bitcoin SV mit einem Bruchteil seiner Hashpower übernehmen. Aufgrund der Schwankungen der Schwierigkeit der Hashpuzzles sollte der Anteil der anderen Miner eigentlich höher sein, weil viele Pools automatisch die Bitcoin-Variante minen, die profitabler ist (mehr dazu in unserem Artikel über die Entwickler-Steuer bei Bitcoin Cash).

Dass dem nicht so ist, deutet darauf hin, dass TAAL und CoinGeek Bitcoin SV auf Verlust minen, damit die Schwierigkeit über den Grad hinaus treiben, der dem Preis von BSV eigentlich angemessen sein sollte, und dadurch das Mining von BSV für die Wechsel-Pools unattraktiv machen. Man könnte dies so verstehen, dass Calvin Ayre Bitcoin SV mit seiner Mining-Flotte beschützt, etwa um zu verhindern, dass eine durch Genesis eingeführte Schwäche ausgenutzt wird. Dies bestätigt die Nachricht, die die beiden Pools in der Coinbase-Transaktion hinterlassen: „on behalf of Satoshi Nakamoto“ – „im Namen von Satoshi Nakamoto“.

Genesis führt, wie bereits berichtet, zahlreiche Änderungen ein und dürfte das ambitionierteste Update der Bitcoin-Software sein, dass es bisher gab. In den Augen der BSV-Szene ist Genesis keine Änderung im eigentlichen Sinne, sondern eine Rückkehr zum Original-Protokoll von Bitcoin und die finale Befreiung von der Knute von zentralplanerischen Entwickler-Gremien, die bestimmen, was die Miner einer Blockchain dürfen und was sie nicht dürfen. Ganz wie beim biblischen Vorbild soll nach Genesis die Protokoll-Entwicklung abgeschlossen sein; anstatt an der Basis der Blockchain – den Grundpfeilern der Schöpfung – zu basteln, soll nun die wahre Entwicklung auf ihr aufbauend geschehen.

Fast alle Limits, die nach dem Release von Bitcoin 0.1 eingeführt wurden, werden mit Genesis hinfällig. Es gibt kein hartes Limit mehr für die Größe der Blöcke, die Limits für die Größen von Transaktionen und Skripten in Transaktionen wurden extrem erhöht, und in der Praxis durch ein Timeout ersetzt, durch das Knoten Transaktionen oder Blöcke wegwerfen, wenn es zu lange dauert, sie zu verifizieren.

Eine der interessantesten – und vermutlich auch gefährlichsten – Änderungen durch Genesis ist die Aufhebung des Verbotes von „nicht-Standard-Transaktionen“. Bisher mussten Transaktionen in ein bestimmtes Schema passen, um von Knoten weitergeleitet zu werden; lediglich Miner sind in der Lage, die nicht-passenden Transaktionen in einen Block zu bringen. Indem diese Regulierung nun aufgehoben wird, können die User von Bitcoin SV mit einer Vielzahl von möglichen Skriptcodes in Transaktionen experimentieren.

Mittlerweile wurden bereits die erste Transaktion gesichtet, die ein solches Nicht-Standard-Skript enthalten. So enthält Transaktion 4ec3b63d764558303eda720e8e51f69bbcfe81376075657313fb587306f8a9b0 beispielsweise einen Input, den der Blockexplorer nicht zuordnen kann, und einen Output mit einem Nicht-Standard-Skript, das der Blockexplorer nicht auswerten kann. Der Input dieser Transaktion entspringt Transaktion 52dfceb815ad129a0fd946e3d665f44fa61f068135b9f38b05d3c697e11bad48, die einen nicht-Standard und nicht verständlichen Output generiert hat. Was in den Skripten passiert, ist mir ein Buch mit sieben Siegeln, aber es scheint, als funktioniere es. Etwas verständlicher ist Transaktion 75251077e5bcc9000a8018cd83f282c88504b88b2c925780b642c318bc9f3f1a, die in einem ebenfalls nicht-Standard-Output angeblich ein R-Puzzle enthält.

Die Aktivierung von nicht-Standard-Skripts könnte die Skriptsprache von Bitcoin von ihren Fesseln befreien und wird vermutlich noch zur Sichtung vieler seltener, mysteriöser und verwirrender Transaktionen führen – eröffnet aber ein kaum zu überblickendes, und im Voraus geradezu unmöglich zu erahnendes Spektrum an möglichen feindlichen Transaktionen.

Bisher läuft Bitcoin SV nach Genesis stabil weiter. Allerdings ist die Hard Fork kaum 12 Stunden her. Die Möglichkeiten, die durch sie eröffnet werden, sind gewaltig, und man kann nur gespannt sein, welche Ergebnisse sie zeitigen – aber die Gefahren, die viele darin wittern, sind noch längst nicht gebannt. Calvin Ayre dürfte nicht ewig seine Mining-Flotte als Leibwache von Bitcoin SV benutzen können, und wenn sich die Hashrate wieder stärker dezentralisiert, könnte es viel schwieriger werden, schnell genug auf Angriffe zu reagieren. Daher sieht es derzeit zwar gut aus, aber in trockenen Tüchern ist Genesis noch lange nicht. Mal schauen, wie es in einem Monat aussieht.

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