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Bitcoin Cash wird Entwickler-Steuer einführen

Die großen chinesischen Bitcoin-Cash-Miner haben angekündigt, in Zukunft 12,5 Prozent der Mining-Erträge an ein Unternehmen in Hongkong abzuführen, das diese an die Entwickler verteilt. Um diese Abgabe durchzusetzen, werden sie die Blöcke der Miner, die sich ihr verweigern, blockieren.

Die Finanzierung der Infrastruktur-Entwickler ist bei Bitcoin Cash ein schwieriges Thema. ABC-Leitentwickler Amaury Sechet klagt schon lange, das sein Team an einem Mangel an  Einnahmen leidet. Nachdem ein Spendenaufruf durch Roger Vers Bitcoin.com nicht genügend Gelder zusammenbrachte – oder aus anderen, komplizierten Gründen – scheiterte, sah sich Roger erst vor kurzem genötigt, offenzulegen, wie seine Firma die Protokoll-Entwicklung mit finanziert, was ihm aber vor allem weitere Vorwürfe einbrachte.

Amaury hat immer wieder, direkt oder indirekt, damit gedroht, sich wieder auf einen echten, gutbezahlten Job zu bewerben, oder, noch schlimmer, den „Blockstream-Takeover“ zu machen: Geld von externen Investoren einzuholen und die Protokoll-Entwicklung privaten Geschäftsinteressen zu unterwerfen (im Falle von Blockstream sind dies, so die Story, die Sidechains). Nun reagieren offenbar die chinesischen Miner auf diese Drohungen. Sie legen einen Plan vor, der, um es vorsichtig auszudrücken, extrem kontrovers ist – und der auch als Ansage zu verstehen ist.

Der Weg aus der Tragödie des Gemeinwesens

Jiang Zhuoer, CEO von BTC.TOP beschreibt den Plan in einem Blogpost. Zhour führt mit BTC.TOP den vermutlich entschiedensten Pro-BCH-Pool. Er hat in der vergangenen Woche mehr als 10 Prozent aller Bitcoin Cash (BCH) gemined und ist mit 2,75 Prozent der Hashrate auch bei Bitcoin (BTC) nicht ganz unbedeutend. Das notwendige Gewicht erhält sein Vorschlag aber durch die Partner, die das Post mit Unterschreiben: Antpool, btc.com, Bitcoin.com und ViaBTC.

Zhuoer ist sich bewusst, dass eine Mining-Abgabe ein kontroverses Thema ist. Aber was ist die Alternative? Die „gegenwärtigen Mechanismen durch unternehmerische Spenden“ verursachen große Probleme. So üben die Unternehmen einen „unangemessenen Einfluss auf die Entwickler“ aus. Zhuor verweist auf Blockstream, das „die BTC-Entwicklung zentralisiert hat und so den Anstieg der BTC Blocksize gemäß dem Plan von Satoshi verhinderte.“ Dass Zhour mit Unterstützung einiger der möchtigsten BTC-Miner etwas postet, was in der breiten Szene als „Verschwörungstheorie“ abgetan wird, ist wichtig, um den vollen politischen Kontext zu verstehen.

Darüberhinaus löst die Finanzierung durch Unternehmen eine „klassische Tragödie des Gemeinwesens“ aus: Nur einige Unternehmen spenden tatsächlich, während die anderen zu Trittbrettfahrern werden. Daher sei es, trotz aller Kontroverse, „eine ohne Zweifel sehr viel bessere Lösung, wenn die Miner einen Teil des Coinbase-Rewards an die Entwickler weiterleiten.“ Wenn die Entwickler über „adäquate“ Geldmittel verfügten, würde dies die Entwicklung beschleunigen, „und die Roadmap schnell verwirklichen, wie etwa das Avalanche-Projekt“.

Wie man eine Entwickler-Abgabe durchsetzt

Daher bereiten sich, kündigt Zhuor an, die BCH-Mining-Pools BTC.TOP, Antpool, BTC.com, ViaBTC und Bitcoin.com darauf vor, einen sechsmonatigen Spendenplan auszuführen. Dieser Plan soll „den BCH-Entwicklern ausreichend Geld verschaffen, um die Entwicklung zu beschleunigen, bevor wir 2020-21/22 in den Bullenmarkt kommen.“ Er wünscht sich, „dass sich BCH in Zukunft besser macht, und dass das BCH/BTC-Preisverhältnis von derzeit 4% auf 10%, 20%, 30% oder noch mehr steigt.“

Die Miner werden über einen Zeitraum von sechs Monaten 12,5 Prozent der Blockrewards für die „Infrastruktur-Entwicklung“ abgeben. Die Abgabe soll nach dem nächsten „Protokoll-Upgrade“ – sprich: der Hardfork – aktiviert werden. Diese findet am 15. Mai 2020 statt. Der Zeitpunkt und die Dauer des Projekts sind nicht zufällig gewählt; in ihm äußert sich auch ein Misstrauen gegen die ABC-Entwickler, da so verhindert wird, dass diese die Abgabe durch ein Protokoll-Update in den Code schreiben.

Derzeit würde die Entwickler-Steuer knapp 40.000 Euro je Woche einbringen. Da sich der Blockreward von Bitcoin Cash Anfang Mai jedoch halbiert, werden es nur 20.000 Euro je Woche sein (bei derzeitigen Preisen). Diese Gelder werden an eine Firma in Hongkong fließen und „benutzt, um Entwickler der Full Node Implementierungen sowie weitere kritische Infrastrukturleistungen zu bezahlen.“

Um sicherzustellen, dass alle Miner die Abgabe bezahlen, werden die beteiligten Pools alle Blöcke verwaisen, die diese nicht enthalten. Ein verwaister Block („Orphan“) ist ein Block, der zwar korrekt erzeugt und an die Blockchain angehängt wurde, aber von einem anderen – in der Regel etwa zeitgleichen – Block verdrängt wird, dem es gelingt, mehr Hashrate nach ihm anzusammeln.

Mit „allen Minern“ meint Zhuor übrigens nicht nur die Bitcoin-Cash-Miner. Er meint alle SHA256-Miner. Und damit wären wir bei dem Teil, der den Plan der chinesischen Miner so spannend macht.

Eine Steuer für ALLE

Wenn man über die Steuer für Miner – um nichts anderes handelt es sich – nachdenkt, scheint es auf den ersten Blick so, dass Bitcoin Cash einfach nur 12,5 Prozent seiner Hashrate verlieren wird. Aber, so Zhour, „nach der Anpassung der Schwierigkeit auf BTC ist es eine vollkommen andere Story.“ Er erklärt dies durch einige grobe Zahlen:

Wenn 97% der Hashrate an BTC gehe und 3% an BCH, und die BCH-Miner 12,5% der Belohnung abgeben, sinkt ihr Anteil auf etwa 2,6% und der von BTC steigt auf 97,4%. Dies hat zur Folge, dass die Schwierigkeit des Minings von BTC ansteigt und das Mining dort weniger profitabel wird. Insgesamt sind es laut Zhuor 0,375 Prozent der gesamten SHA-256-Erträge, die aus dem System verschwinden und an die Bitcoin-Cash-Entwickler fließen.

Info
Die Schwierigkeit des Minings passt sich bei BTC alle 2016 Blocks so an, dass im Durchschnitt alle zehn Minuten ein Block gefunden wird. Bei Bitcoin Cash und auch Bitcoin SV wird die Schwierigkeit dagegen fortlaufend – alle sechs Blöcke – angepasst, um zu verhindern, dass die Blockchain unter massiven Schwankungen der Block-Produktion leidet. Dies hat den Effekt, dass es für einen Miner rational ist, seine Hashrate je nach Preis und Schwierigkeit auf die drei Blockchains zu verteilen und die Verhältnisse immer wieder neu anzupassen. Daher fluktuiert die Hashrate gewöhnlich in einem Verhältnis, das die Preisbeziehungen zwischen BTC, BCH und BSV abbildet.

Ist das nicht perfide? Die im Abkommen beteiligten Miner haben in der letzten Woche knapp 35 Prozent der Bitcoin-Mining-Hashrate gestellt. Das sind etwa 352 Blöcke oder knapp 35 Millionen Euro an Erträgen. Während Bitcoin (BTC) weiterhin ihre mit himmelweitem Abstand wichtigste Einnahmequelle ist, stehen sie den Bitcoin-Entwicklern offen feindselig gegenüber und wünschen sich, dass Bitcoin Cash einmal Bitcoin überholen wird. Daher nutzen sie die (komplexen) Mechaniken der Hash-Rate-Oszillation zwischen BTC, BCH und BSV, um ALLEN Minern eine kleine Abgabe aufzudrücken, die nach ihrer Verfügung an die Bitcoin-Cash-Entwickler abgegeben wird.

Wenn jemand also in Zukunft BTC mined, wird er einen kleinen Anteil daran – eben 0,375 Prozent – an einen Bitcoin-Cash Fund abgeben. Die chinesischen Miner besteuern also alle Miner.

Die Büchse der Pandora öffnen

Alle Blocks verwaisen zu lassen, die die Steuer nicht bezahlen, klingt verwegen. Es ist, als würde man eine Büchse der Pandora öffnen, aus der Dutzende technische und politische Probleme entströmen.

Beginnen wir damit, dass ein Miner das für einen Double-Spend ausnutzen kann: Er schreibt eine Transaktion in einen Block und veröffentlicht diesen ohne die Entwickler-Abgabe. Die Transaktion wird eine Bestätigung erhalten – um danach wieder zu verschwinden. Natürlich gibt es auch unter normalen Umständen verwaiste Blöcke, bei Bitcoin (BTC) nur sehr selten, bei Bitcoin SV (BSV) gelegentlich durch einen Stresstest. Solche verwaisten Blöcke entstehen aber durch Zufall und sind schwer oder gar nicht planbar. Für Bitcoin Cash führen die chinesischen Pools nun einen Mechanismus ein, der es erlaubt, einen Block gezielt verwaisen zu lassen. Die Kosten dafür sind relativ gering: Ein Block wird nach dem Halfing und abzüglich der Entwickler-Abgabe 5,6875 BCH einbringen, was nach derzeitigen Kursen gerade mal 1.700 Euro sind.

Es ist aber noch schlimmer. Ein Miner, der Bitcoin Cash feindlich gegenübersteht, sagen wir, Blockstream oder CoinGeek, könnte versuchen, eine Steuerverweigerung durchzuziehen, indem er seine Chain mit einem Block, der keine Abgabe enthält, weiter mit Hashrate versorgt. Sollte er damit durchkommen, würde er unter Umständen und je nach Einsatz 12,5 Prozent mehr verdienen als mit den anderen Mining-Optionen für seine SHA-256-Asics. Je länger ein solches Ringen andauert, desto heikler wird es für die Bitcoin-Cash-Miner, die Blöcke zu verwaisen; sollte es dazu kommen, dass die Blockchain über 4 oder 5 oder 6 Blöcke reorganisiert wird, könnte dies zu viel Verwirrung im Ökosystem führen.

Zudem zeigt sich hier ein Problem mit den ChainLocks, die Bitcoin Cash anlässlich des „Hashwars“ eingeführt hat. Sobald ein Block zehn Blöcke „alt“ wird, wird er von den Knoten im Netzwerk finalisiert und als nicht mehr änderbar angenommen. Das Verfahren ähnelt den ChainLocks bei Dash. Es verhindert eine Reorganisierung der Blockchain über mehr als 10 Blöcke. Ein Angreifer, der vorübergehend mehr als 51 Prozent der Bitcoin-Cash-Hashrate zur Verfügung hat – unter derzeitigen Kursen wären das etwa 1,8 Prozent der BTC-Hashrate – könnte im Geheimen eine Blockchain schreiben, die keine Steuern bezahlt, und diese dann veröffentlichen, um einige Blöcke der anderen Miner zu invalidieren. Dies würde seine Einnahmen steigern, Bitcoin Cash destabilisieren und reiche Gelegenheiten für Double Spends abgeben. Die laufenden Kosten, um zehn Blöcke zu erzeugen, würden bei nicht einmal 50.000 Dollar liegen.

Sollte es vorkommen, dass sich die SHA-256-Hashrate nach dem nächsten Halving kannibalisiert, weil die Preise nicht ausreichend steigen, um den Verlust des Rewards auszugleichen, dürfte Bitcoin Cash mit dieser Konfiguration das naheliegendste Opfer sein.

Chinesische Miner demonstrieren ihre Macht

Die beteiligten Mining-Pools müssen sich also ziemlich sicher sein, dass sie die Abgabe durchdrücken können, indem sie sicher und rasch subversive Miner ausschalten. Womit wir bei der politischen Brisanz des Themas wären: Die Pools agieren aus einer Position der Stärke heraus – nicht nur im Bitcoin-Cash-System, sondern im gesamten Bitcoin-Mining.

Info

Es ist interessant, sich vor diesem Hintergrund die Verteilung der gesamten SHA-256-Hashrate anzuschauen. Die gesamte Hashrate fließt derzeit zu 94,8 Prozent an BTC und zu je 2,6 an BCH und BSV.

Bei Bitcon (BCT) stellen die im Abkommen beteiligten Pro-BCH-Miner etwa 35 Prozent der Hashrate, bei BCH stellen sie rund 33 Prozent und bei BSV gut 11 Prozent. Sie leisten etwa 34,3 Prozent der gesamten SHA256-Hashrate.

BTC-Hashrate-Verteilung der letzten 7 Tage nach coin.dance.

Der mächtigste BTC-Miner ist F2Pool mit 17,5 Prozent. Er ist zwar nicht direkt BTC verpflichtet, nutzt seine SHA256-Hashpower aber ausschließlich für BTC. Dasselbe trifft auf Slush zu, den Pool aus Tschechien, der 4,58 Prozent der BTC-Hashrate bündelt, sowie auf Canoe (4,12%), Bytepool (4,03%), Bitfury (2,75%) und NovaBlock (1,47%). Die reinen BTC-Pools – von denen man annehmen darf, dass sie eine Steuer für Bitcoin-Cash-Entwickler nicht besonders toll finden – bringen knapp 33 Prozent der gesamten SHA256-Hashrate auf.

Ferner gibt es eine Gruppe von neutralen Pools, die nicht am Abkommen beteiligt sind und auch keine eindeutige Position beziehen, aber ihre Hashrate auf die verschiedenen Bitcoin-Blockchains verteilen: Poolin (16,7% BTC, 4,9% BCH, 5,3% BSV), Huobi (4,8% BTC, 4,8% BCH) sowie ProHashing (0,02% BTC, 0,3% BCH, 1,2% BSV). Diese Miner stellen zusammen etwa 21 Prozent der gesamten SHA-Hashrate.

Die vierte Gruppe hat eine mehr oder weniger eindeutige Präferenz pro Bitcoin SV. Zu ihr gehören OKEx (5,89% BTC, 1,6% BCH, 1,2% BSV), TAAL (1,14% BTC, 3,7% BCH, 12,1% BSV), CoinGeek (0,2% BTC, 9,8% BSV), MemPool / Nour (0,13% BTC, 6,2% BSV), SVPool (0,05% BTC, 2,4% BSV), sowie einige kleinere Pools (ca. 0,05% BTC, 2% BSV). Diese Pools zusammen haben etwa 8 Prozent der gesamten SHA-Hashrate.

Zu den bekannten Pools kommen noch die unbekannten Miner. Bei BTC machen sie 4,3 Prozent aus, bei BCH 49,9 Prozent, und bei BSV 46,8. Diese Unbekannte macht etwa 6,6 Prozent der globalen SHA-Hashrate aus. Es ist schwer zu sagen, wo sie sich positionieren und ob es sich um Miner handlet, die aus Imagegründen unbekannt bleiben wollen oder um Miner, die womöglich einen Angriff im Sinn haben.

Die Miner demonstrieren damit, dass sie in der Lage sind, einer Blockchain wie Bitcoin Cash ihre Regeln aufzudrücken und diese Regeln auch gegen den Widerstand des Marktes durchsetzen können. Würden sie das nicht schaffen, würde der Markt die Regeln nicht beachten, weil sie die Gewinne schmälern – so, wie vermutlich kaum jemand Steuern bezahlen würde, wenn sie nicht verpflichtend wäre. Damit nehmen die Miner eine Funktion der Regierung ein: Sie bestimmen aus eigenem Ermessen, welche Auflagen das Mining trägt, und sorgen dafür, dass jeder Miner sich ihnen unterwirft.

Wenn die Mining-Pools in der Lage sind, eine Steuer einzuziehen – dann sind sie in der Lage, beinah jede beliebige Regel durchzusetzen. Sie könnten bestimmte Transaktionen auf eine Blacklist setzen und jeden Block, der sie enthält, verwaisen lassen. Sie würden Bitcoin Cash damit effektiv zensieren. Sie könnten auch KYC-Regeln durchsetzen, dass beispielsweise nur die Transaktionen in die Blockchain kommen, die von einer Bank oder einer Regierung bestätigt werden.

Die Miner exerzieren damit also eine Kontrolle über eine Blockchain. Sie führen eine Regel ein, die zwar nicht Teil des Konsens-Protokolls ist, aber dieselbe Kraft hat. Ohne allzu weit in Verschwörungstheorien abzugleiten, könnte man mutmaßen, dass dies eine Funktion ist, die bei der chinesischen Regierung – von deren Wohlwollen die chinesischen Miner abhängig sind – gut ankommen kann. Eventuell wird hier ein Modell demonstriert. Was bei Bitcoin Cash funktioniert, könnte auch bei Bitcoin SV funktionieren, und, wer weiß, vielleicht auch langfristig einmal bei Bitcoin (BTC) selbst.

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