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Altcoins leisten, was Bitcoin nicht kann

Wenn auf den Märkten nicht viel los ist, ist es Zeit, in sich zu gehen. Sind Altcoins doch nicht Mist, wie wir neulich geschrieben haben? Ist stattdessen der Maximalismus ein unsinniger Reflex? Ein Versuch, sich an die neue Welt der vielen Kryptowährungen anzunähern – und ihr etwas Gutes abzugewinnen. Schließlich wollen wir bei der Währungsrevolution nicht daneben stehen, nur weil sie womöglich nicht unter dem Label ‚Bitcoin‘ läuft.

Es ist nicht schlimm, sich als Journalist zu widersprechen. Im Gegenteil – ein Journalist, der nicht versteht, dass seine eigene Meinung zwar der Anfang aller Stories ist, aber niemals ihr Ende, sollte sich einen anderen Beruf suchen. Vielleicht im Marketing oder in der Politik.

Letztens haben wir hier geschrieben, dass Altcoins Mist sind. Und während es vielleicht wünschenswert wäre, wenn es nur Bitcoin gäbe, spricht die Wirklichkeit eine andere Sprache. Der Bärenmarkt herrscht seit einem Jahr. Viele Bitcoiner haben gehofft, dass er all die unnützen Coins, die die große „Altcoinisierung“ von 2017 gebracht hat, aussortiert, ihnen das Kapital entzieht und Bitcoin wieder zu der Kryptowährung macht, deren Dominanz alles andere zusammen weit überstrahlt. Das geschah aber nicht.

Anteil von Bitcoin an der gesamten Marktkapitalisierung der Kryptowährungen. Quelle: Coinmarketcap.com

Der Anteil von Bitcoin an der gesamten Marktkapitalisierung ist weiterhin bei gut 50 Prozent – anstatt wie früher 80 – während sich bei Altcoins stabile, mittlerweile oft schon gereifte, Szenen und Ökosysteme gebildet haben. Die werden nicht einfach so gehen.

Wenn man in dieser Lage daran festhält, dass nur Bitcoin die wahre Sache, aber alles andere Unfug ist: Läuft man dann Gefahr, dass man nicht mehr mitmachen wird, wenn die Revolution des Finanzwesens passiert, wegen der man erst zu Bitcoin gekommen ist – weil es eben nicht Bitcoin, sondern eine andere Währung ist? Kann es sein, dass ein Bitcoin-Maximalismus eher ein ressentimentgeladener Reflex darauf ist, dass sich das Ökosystem der Kryptowährungen weiter entwickelt hat?

Wir sind nicht bei Wünsch-dir-Was, sondern bei Wo-isses

Natürlich hat die Kakaphonie der Kryptowährungen Nachteile. Darüber habe ich letztens ausführlich geschrieben, und dabei bleibe ich auch:

Die Altcoinisierung hat Entwickler-Ressourcen auf verschiedene Blockchains verteilt, auf denen dasselbe Rad immer wieder neu erfunden wird, aber halt mit einer anderen Währung. Sie entzieht Kreativität, Kapital und ökonomische Aktivitäten von Bitcoin und schüttet sie auf andere Ökosysteme aus. Sie verwirrt die Anleger und macht es Betrügern leichter, Anleger übers Ohr zu hauen. Der „Tribalismus“, der dabei entsteht, macht Leute engstirnig und artet oft genug in Feindseligkeit aus.

Aber hilft es wirklich, sich darüber zu beklagen, wenn die Wirklichkeit längst diesen Weg genommen hat? Es ist albern, zu meinen, man könnte die Uhren zurückdrehen. Das Ökosystem der virtuellen Währungen hat sich längst auf verschiedene Coins eingestellt. Kaum eine Firma arbeitet heute nur noch mit Bitcoin. Im Lauf der letzten drei, vier, fünf Jahre haben sich große, engagierte und stabile Entwicklercommunities gebildet, die meisten Coins haben ihr eigenes kleines Ökosystem mit eigenen Firmen, und genügend Kapital, das reinvestiert wurde.

Für einen Maximalisten ist all das eher ungünstig. Sie kämpfen gegen Windmühlen, wie der berühmte Reiter Don Quijote.

Die Paradoxie des Maximalismus

Zwei Diskussionen auf Twitter illustrieren das Dilemma des Bitcoin-Maximalismus. Erstens ein kurzer, aber erhellender Ausschnitt aus einer Twitter-Diskussion zwischen Holger vom Blockchaincenter – das einen hervorragenden Gegenkommentar zu meinem Anti-Altcoin-Artikel veröffentlicht hat – mit einem „Bitcoin-Maximalisten“:

Die Diskussion ging darum, dass Bitcoin nicht (mehr) das leistet, was sich viele Leute von Kryptowährungen erhoffen. Der Maximalist meint, man müsse sich der Realität anpassen, aber er findet es irational, deswegen auf einen Altcoin umzuschwenken, weil es den Erfolgsaussichten von Bitcoin schade. Holger erwidert daraufhin, dass seine Erfolgsaussichten nicht dieselben wie von Bitcoin sind. Warum sollte jemand, der seine Ziele nicht durch Bitcoin erreichen kann, sich um die Erfolgsaussichten von Bitcoin scheren?

Eine weitere Diskussion auf Twitter treibt dies auf die Spitze:

Jason Smith betreibt ein Unternehmen in Australien und bezahlt seine Freelancer mit Bitcoin. Eigentlich war er auch Bitcoin-Maximalist, eben weil ihm klar ist, dass eine einzelne, zentrale Währung mehr Kraft entfaltet als eine Flut von Coins. Die mangelnde Kapazität von Bitcoin machte es ihm aber unmöglich, als Unternehmer langfristig auf die Währung zu bauen; seine Versuche, die Gebühren durch Lightning zu senken, waren eher ernüchternd.

Der legendäre Nick Szabo, Satoshi-Kandidat und Small Blocker, antwortet ihm mit dem „Pony Vergleich“. Jason sei wie ein Kind, das brüllt: „Ich will ein kostenloses Pony, aber sie geben mir kein kostenloses Pony.“ Bitcoin, so die Haltung vieler Maximalisten, ist nicht dafür da, die Bedürfnisse von Unternehmen zu erfüllen. Wenn es nicht läuft, dann läuft es nicht, und niemand hat das Recht, sich darüber zu beschweren. Gleichzeitig aber soll auch niemand einen anderen Coin verwenden. Was Bitcoin nicht kann, soll keiner können; wenn Bitcoin an der Währungsrevolution scheitert, dann soll diese auch nicht stattfinden.

Das berüchtigte „Krypto-Stammesdenken“ schlägt zu: Man kam, weil man die Idee – die Technik, die Wirtschaft, all die Möglichkeiten – spannend findet, aber man bleibt nur, wenn sich eben diese eine Version davon, für die man sich entschieden hat, durchsetzt. Auf dem Weg dorthin lernt man, all die anderen Möglichkeiten, die in Blockchain liegen, aber nicht von der eigenen Version bedient werden, zu ignorieren oder sogar zu verabschäuen. Man wird zum Gegner von all dem, was man eigentlich wollte.

Ist Ethereum das bessere digitale Gold?

Die derzeitige Realität ist, dass Bitcoin nicht kompatibel mit den Zielen ist, die viele Leute verfolgen, die sich für Kryptowährungen und Blockchain interessieren. Als zwingende Folge gibt Bitcoin daher Marktanteile an andere Coins ab. Wer dies nicht akzeptiert, akzeptiert nicht, dass sich Leute frei entscheiden können, das zu tun, was ihren Zielen am besten dient.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder Bitcoin vereinigt alle möglichen Blockchain-Anwendungen auf sich – das wäre der Maximaximalismus, den Bitcoin SV zelebriert. Oder man nimmt es, wie Core, hin, dass Bitcoin technische Beschränkungen hat und nur unter diesen stabil bleiben kann. In dem Fall gibt man Märkte an Altcoins ab. Und wer weiß – vielleicht führt diese Konkurrenz, wie Holger vom Blockchaincenter meint, tatsächlich dazu, dass sich die bessere Währung durchsetzt. Sobald ein Coin einen „Tipping Point“ bei einer Anwendung erreicht, könnte er alle Aktivitäten auf sich zentralisieren, und damit die Netzwerkeffekte, die die „Altcoinisierung“ vernichtet hat, wieder herstellen.

Das führt uns zu einigen Fragen, die, mal mehr, mal weniger, kontrovers sind:

  • Ist Ethereum das bessere digitale Gold, weil Smart Contracts wie Maker oder UniSwap mehr ETH einlocken, als Bitcoin, und weil die Ether als Treibstoff für Smart Contracts einen „materielleren“ Nutzwerk haben als die reinen Bitcoins?
  • Ist Ripple das bessere Geld für internationale Werttransfers, weil es besser mit den Systemen der Banken interagiert (aber dem User dennoch seinen privaten Schlüssel lässt)?
  • Ist EOS die bessere Plattform für manche Smart Contracts, etwa bei Spielen?
  • Sind Tether eine bessere Verrechnungseinheit als Bitcoin?
  • Ist Stellar ein besseres Instrument, um Mikrotransaktionen zu prozessieren (wie es SatoshiPay macht) oder um Token zu programmieren (wie es BitBond macht)?
  • Sind Monero  und Dash die besseren Coins für private Transaktionen?

Und so weiter.

 

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