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Afri Schoedon verlässt Ethereum nach Shitstorm

Bisher galt die Ethereum-Szene als freundlich im Vergleich zur oft als toxisch beschriebenen Bitcoin-Community. Der Abschied des Berliner Entwicklers Afri Schoedon weckt nun Zweifel an dieser Perspektive. Die Ethereum-Entwickler fordern die Community mit einem offenen Brief zwar für einen friedlichen Umgang miteinander auf – werden damit aber vermutlich nichts an den sozialen Mechanismen ändern, die im Umfeld jeder Kryptowährung regieren. Kryptoanarchie, könnte man sagen, ist eben kein Ponyhof.

Eigentlich sollte jemand wie Afri Schoedon ein Gewinn für jede Community sein. Der Berliner arbeitet als Release Manager für den beliebten Ethereum-Client Parity und betreibt unermüdlich Aufklärungsarbeit, wenn er etwa wieder und wieder erklärt, dass die Ethereum-Blockchain nicht wie oft kolportiert ein Terabyte groß ist, sondern nicht einmal 150 Gigabyte. Dem Bitcoinblog.de hat er ausführlich erklärt, was genau einen Full Node bei Ethereum ausmacht und weshalb er so anders ist als ein Bitcoin-Full-Node.

Vor kurzem hat sich Afri jedoch mit weiten Teilen der Ethereum-Szene überworfen. Der Hintergrund ist relativ interessant. Anlass war ein kurzer (mittlerweile gelöschter) Tweet von Afri:

„Polkadot leistet, was Serenity werden sollte. Ändere meine Meinung.“

Auf diesen Tweet folgte ein Shitstorm in den sozialen Medien, in dem Afri massive Interessenskonflikte vorgeworfen wurden. Auf Reddit war etwa zu lesen:

„Afri wurde zum Judas unserer Ethereum-Community. Er wurde ein Verräter, und anstatt wie Charles Hoskinson oder Dan Larimer einfach zu gehen und eine eigene Chain zu gründen, versucht er, uns von innen heraus zu sabotieren.“

Afri hat kurz darauf entnervt erklärt, dass er nicht mehr an Ethereum arbeiten wird, bevor er eine Pause vom Zirkus der sozialen Medien nahm. Worum ging es? Wie konnte ein kurzer Tweet sich so schnell zu einem solchen Drama hochschaukeln?

Serenity und Polkadot

Ethereum leidet an Problemen der Skalierbarkeit. Die Smart-Contract-Blockchain arbeitet bereits an ihrem Kapazitätslimit. Es wird immer schwieriger, Full Nodes zu betreiben, und Afri ist längst nicht der einzige, der sich darüber Sorgen macht. Damit Ethereum sein (gigantisches) Potential als Weltcomputer des Web 3.0 entfaltet, bedarf es technischer Durchbrüche, die die bisherigen Limits überwinden.

Dieses Ziel läuft bei Ethereum unter dem Stichwort „Serenity“, womit wir schon beim ersten Stichwort von Afris kontroversem Tweet wären: Serenity ist der Endzustand der technischen Basis von Ethereum, in dem Proof-of-Stake als Konsensalgorithmus das bisherige Mining ersetzen und die Blockchain durch „Sharding“ in viele parallele Ketten zergliedert werden soll. Gleichzeitig sollen Plasma-Sidechains sowie das Offchain-Netzwerk Raiden den Druck von der Blockchain nehmen.

Nun ist aber Serenity noch in weiter Ferne, und das Tempo der Entwicklung dorthin verlangsamt sich immer weiter, wie die Metropolis-Hardfork demonstriert hat: Zunächst wurden die Features der Hardfork – die eigentlich Proof-of-Stake einführen sollt – gekürzt, dann wurde sie in zwei Teile gegliedert, und schließlich wurde die Aktivierung des zweiten Teils verzögert. Wenn Afri nun twittert, dass „Polkadot“ das leistet, was Serenity leisten soll, spielt er direkt auf diese eher stockende Umsetzung der Ethereum-Roadmap an.

Polkadot nun ist ein Projekt von Afris Arbeitgeber Parity. Es soll eine Art Framework werden, das es verschiedenen Blockchains erlaubt, den Konsens und Transaktionen zu koordinieren. Es soll es vor allem ermöglichen, private und öffentliche sowie Main- und Sidechains flüssig zu verbinden, so dass ein User in Zukunft von Chain zu Chain springen kann, anstatt sich mit seinem Coin auf eine Kette festzulegen. Bisher ist Polkadot noch im Testmodus, aber die Entwicklung scheint voranzuschreiten.

Vor diesem Hintergrund wird ein wenig verständlich, weshalb Afris Tweet so provokant aufgefasst wurde. Er zweifelt an einem Maximalismus, demzufolge die Ethereum-Blockchain für alles da sein wird, und legt nahe, dass eine Multi-Chain-Umgebung besser funktionieren kann. Gerade Investoren in Ethereum, die mit ihren Ether-Token an den Erfolg der einen Ethereum-Blockchain gebunden sind, dürfte eine solche Äußerung aus dem Herzen der Entwickler-Community übel aufstoßen.

Ein Interessenskonflikt?

Gegenüber dem Breakermag rudert Afri ein Stückchen zurück. Polkadot sei „kein direkter Konkurrent zu Ethereum, und Chains wie Ethereum waren immer ein integraler Teil der Vision von Polkadot. Bei meinem Tweet ging es nicht um Polkadot oder Konkurrenz, sondern um Serenity, das, in meinen Augen, zu langsam vorwärts kommt, und ich fürchte, dass es keine Rolle mehr spielen wird, wenn wir es einmal erreichen. Die Leute haben das nicht verstanden, und ich bin der einzige, der daran schuld ist, weil ich die Botschaft nicht klar genug ausgedrückt habe.“

In der Szene wurde Afris Tweet aber nicht nur als kontroverses technisches Statement, sondern als handfester Interessenkonflikt gedeutet. Denn als Mitarbeiter von Parity arbeitet Afri zugleich an Ethereum und an Polkadot. Und im Gegensatz zur Arbeit am Client für Ethereum verspricht sich Parity von der Entwicklung von Polkadot gute Einnahmen. Hier zeigt sich eines der sozialen Kernprobleme von Kryptowährungen: Während die reine Entwicklung der Kernplattform in der Regel nicht gewinnbringend ist, verdienen die Entwickler mit Beratung oder alternativen Projekten oft gutes Geld.

Der Verdacht, dass sie an dieser Stelle versuchen, ihren Einfluss auf die Protokoll-Entwicklung zu instrumentalisieren, um die Netzwerkeffekte einer erfolgreichen Kryptowährung auf das eigene Projekt umzuleiten, liegt für viele nahe. Manche Kommentatoren haben dies als den „Blockstream“-Effekt bezeichnet, da das Startup Blockstream einen starken Einfluss auf die Bitcoin-Entwicklung genommen hat, während es versucht, mit Sidechains für Bitcoin zu verdienen. Die Perspektive auf Blockstream allein teilt die Bitcoin-Szene seit Jahren. Nun scheint sich dasselbe mit Parity und Ethereum zu wiederholen.

Der offene Brief

Für Afri ist dies nicht das erste Mal, das er im Zentrum von Kontroversen steht. Nachdem Parity durch einen Bug im Multisig-Vertrag eine große Menge der bei einer ICO eingenommenen Polkadot-Token eingefroren hatte, hat Afri versucht, mit dem Vorschlag EIP-999 den Bug rückgängig zu machen – was aber nach einer Welle der Empörung abgelehnt wurde. Schon hier stand der (nicht eben absurde) Vorwurf des Interessenskonfliktes.

Dies rechtfertigt aber in keinster Weise die Aggressivität, mit der in den sozialen Medien – vor allem Twitter und Reddit – plötzlich gegen Afri geschossen wurde. Mehr als 100 Ethereum-Entwickler haben daher mit einem offenen Brief an die Community versucht, die Wogen zu glätten und zu verhindern, dass sich so etwas in Zukunft wiederholt. Sie fordern sowohl die Community als auch die Entwickler auf, „an gesünderen Diskussionspraktiken zu arbeiten und sich gegenseitig von Drohungen und Gewalt zu schützen.“ Man habe wieder und wieder erlebt, wie Teile des Ökosystems in ein toxisches Verhalten verfallen, das offene Diskussionen durch „doxxing, Drohungen mit Gewalt oder brigading“ untergrabe.

„Wir, die Unterzeichner, Teilnehmer und Mitarbeiter des Projekts, und alle, die ein besseres System bilden wollen, finden, dass diese Aktionen jenseits aller akzeptablen Standards für Debatten liegen. Wie auch immer die Umstände sind – Drohungen gegen das Wohlbehalten einer Person können durch nichts gerechtfertigt werden und wir lehnen eine solche Toxizität in digitalen Communities kategorisch ab.“ Ethereum werde von Menschen aufgebaut, gewartet und skaliert, und man müsse die emotionale und mentale Gesundheit dieser Menschen schützen.

Eine explosive soziale Mischung

Dieser offene Brief deutet an, was eventuell ein Problem aller Kryptowährungen ist: Die Communities treffen sich fast ausschließlich im digitalen Raum. Während persönliche, physische Treffen meist eher von Harmonie geprägt sind, brechen Konflikte in den sozialen Medien oft mit großer Gewalt auf. Sie werden dadurch angefeuert, dass anonyme „Keyboard-Warrior“ frei von den Banden der sozialen Kopräsenz alle Hemmungen verlieren, und dass es Trollen möglich ist, die Diskussion durch Sockenpuppen zu manipulieren. Schnell kommt es zu massenpsychologischen Effekten, in denen sich zeigt, dass Menschen in der Gruppe oft viel schneller widerlicher werden als als Individuum, wenn sie das Gefühl haben, mit ihrem Hass und ihrer Wut den Rückhalt der Mehrheit hinter sich zu haben.

Ob sich dieses soziale Problem durch offene Briefe und weitere Konferenzen und Treffen lösen lässt, darf bezweifelt werden. In Bitcoin, Ethereum und anderen Kryptowährungen laufen anonyme Internetkommunikation, finanzielles Investment und Ideologie zusammen. Dies ist eine explosive Mischung, die beinah unvermeidbar Gift ausströmt. Die Entwickler von Bitcoin und Ethereum haben sich dafür entschieden, in diesem Umfeld zu arbeiten – weil es eben auch spannend ist – und die Kryptoanarchie der globalen Anonymität voranzutreiben, aber reagieren nun mit Empörung und Ungläubigkeit, wenn sich dieses Umfeld gegen sie wendet. Kryptoanarchie, könnte man sagen, ist eben kein Zuckerschlecken, und der Machtanspruch, den die Entwickler in einem System wie Ethereum vertreten, findet nicht im Vakuum statt, sondern in einem sozialen Kontext voller Leidenschaft und finanziellem Investment. Wer hier nicht achtgibt, was er säät, wird einen Shitstorm ernten.

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